
Die Biowein-Firma Delinat in St.Gallen präsentiert in einem Weinpaket drei Steillagenweine aus dem portugiesischen Dourotal, der Mosel in Rheinland-Pfalz (Deutschland) und dem spanischen Priorat. Nach der Thematik „Agroforestry“ beim Weinbau wird damit ein weiteres interessantes Kapitel geöffnet. Betrachten wir kurz die Inhalte zu den „steilen Weinen“.
Verbessertes Kleinklima
Eine Steillage beginnt ab einer Hangneigung von rund 30 Prozent. Hanglagen bringen handfeste Vorteile für die Reben. Reben an steilen Flusshängen in Südausrichtung mit intensiver Sonneneinstrahlung und auf terrassierter Anlage erhalten eine höhere Energieaufnahme aus dem Sonnenlicht als Flachlagen und haben eine lange Tradition. Die nötigen Trockenmauern schufen dabei erst nutzbare Rebflächen. Sie erhalten durch diese Neigung wie erwähnt mehr Licht, was den Zuckeraufbau fördert und gleichzeitig Aromen und Säure bewahrt. Steinige Böden und Mauern speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab, was das Mikroklima fördert.
Eine „Terroir“-Note
Spezielle Gesteinsgesellschaften prägen zudem oft spürbar eine Terroir-Note, die den Stil des Weins bestimmt. Die Franzosen sprechen vom „Terroir“, wenn die naturgegebenen Faktoren eines bestimmten Stückes Land die Eigenschaften der dort angebauten Kulturpflanzen beeinflussen. Das Zusammenspiel zwischen der kulturprägenden Tätigkeit und der Bodenbeschaffenheit schaffen die ganz spezielle Eigenheit, den Wert, der einem bestimmten Gebiet mit seinen Erzeugnissen zugesprochen wird. Terroir wurde inzwischen zum Marketingbegriff bei der Vermarktung von hochwertigen Agrarprodukten. Dafür ist der Steillagenwein besonders geeignet.
Mehr Biodiversität durch Kleinteiligkeit

Dabei ist auch die ökologische Seite in Steillagen interessant. Da hier Grossflächigkeit in Monokulturen fehlt, kann sich eine Vielfalt an Hecken und Blühstreifen halten, was den Artenreichtum und nützliche Insekten als natürliche Schädlingsbekämpfer fördert. So manche Steillage wirbt darum mit der grünen Smaragdeidechse als Bewohner. Steile Weinberge sind nicht nur Produktionsflächen, sondern lebendige Kulturlandschaften, ja bilden eigentliche kulturlandschaftliche Höhepunkte. Sie prägt die traditionelle Kulturlandschaft.
Der Preis der Steilheit
Steillagen bieten qualitativ das Beste, ihre Bewirtschaftung ist allerdings aufwendig und arbeitsintensiv. Eine Mechanisierung ist massiv eingeschränkt und erfordert viel Handarbeit. In Steillagen rechnet man pro Hektar mit 800 bis 1‘600 Arbeitsstunden im Jahr, im Flachland mit 200 Stunden. Der Verzicht auf einen maschinengerechten Weinbau ist also sehr aufwendig, eine Plackerei, weil das meiste von Hand herauf und herunter gebracht werden muss. Kleinterrassierte Weinberge bedeuten mit viel Handarbeit entsprechende Mehrkosten. Der Erhalt der Trockenmauern ist aufwendig und Erosionsrisiken bei Starkregen erhöhen die Produktionskosten pro Liter deutlich. Das stellt Winzer vor wirtschaftliche Fragen mit Kosten-Nutzenüberlegungen.
Das Alleinstellungsmerkmal der Steillagen
Es ist mehr als gerechtfertigt, den Wein aus terrassierten historischen Weinbergen als Alleinstellungsmerkmal zu sehen, der einen zusätzlichen Obulus rechtfertigt, der auch kenntlich zu machen ist. In Deutschland handelt es sich um ein Prozent der Weinberge in historischen Terrassenlagen. Ich bin gerne bereit für diese zusätzlichen ökologischen und landschaftsrelevanten Rahmenbedingungen meinen Beitrag beim Erwerb eines Steillagenweines zu leisten. Der Terroir-Begriff passt hervorragend zum Wein in terrassierten Lagen und ein „Bildungsbürgertum“ wird wohl bereit sein, diesbezüglich einen Beitrag zu leisten. Das verlangt nach entsprechender Organisation und Kenntlichmachung.
Lösungsansätze
Die Zukunft des Weinbaues in Steillagen ist mit den Winzern, der Politik und dem Naturschutz zu diskutieren. Diese Diskussion kann sich dem sinkenden Weinkonsum nicht entziehen, der ganz speziell den Rotwein betrifft. Der Absatz inländischer deutscher Winzerprodukte ist allein zwischen dem ersten Halbjahr 2025 zu 2026 um sechs Prozent gesunken. Ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein im Zusammenhang mit Alkohol leistet hier einen weiteren Reduktionsbeitrag. Auch sind die steigenden Produktionskosten und der Klimawandel zu berücksichtigen. Ich sehe unter Berücksichtigung der ökologisch-kulturellen Aspekte drei konkrete Stossrichtungen:

- Es sind die wertvollsten Steillagen-Weinberge zu erhalten und dafür staatliche Zuschüsse wie in Bayern und Baden-Württemberg zu leisten. Es sollte sich um eine gezielte Förderung anstelle der Giesskanne handeln. Ergänzend ist ein spezielles Marketing zu berücksichtigen, wobei langlebige Spitzenweine das Ziel sein müssen, dies als Inbegriff der Weinkultur.
- Es sind Verbesserungsmöglichkeiten zu nutzen, sei dies technischer (Steillagentechnik) oder ökologischer Art. Stichworte lauten Sprüh-Drohnen, vor allem auch Reduktion von Pestiziden mit Umbau auf robuste Sorten mit pilzresistenter Wirkung. Als langjähriger Anwohner eines kleinen Steillagenweinbaues in Triesen (FL) wunderte ich mich, dass die Reben in der Senkrechten gesetzt waren und auf eine Bodenvegetation verzichtet wurde bzw. diese gar entfernt worden ist. Das Resultat war, dass nach Starkregen der Oberboden in der Falllinie regelmässig abgeschwemmt wurde. Eine Umstellung auf Querterrassen hat dies später massgeblich vermindert. Die Rebgebiete sind heute als weiterer Erosionsschutz mit Vegetation ausgestattet und werden immer mehr biologisch bewirtschaftet. Der Rebbau mit intensivem Pestizideinsatz sollte der Vergangenheit angehören, der Biowein Standard werden. Zukunft und Chancen für einen alkohollosen Weins sind für mich noch nicht klar.
- Eine kontrollierte Rückgabe gewisser Lagen an die Natur ist kein Unglück und unterstützt in seiner Dynamik der Vegetationsabfolgen die biologische Vielfalt.
Viele dieser hier ausgedrückten Gedanken sind im Werk „Historische Terrassenweinberge – Baugeschichte, Wahrnehmung, Erhaltung von Werner Konold und Claude Petit vom Institut für Landespflege an der Universität Freiburg im Breisgau zusammengetragen. Ihre Untersuchungsgebiete konzentrierten sich auf Lagen in Baden-Württemberg und im Wallis. Wer sich mit dem Themenfeld intensiver beschäftigen möchte ist dieses Buch zur Lektüre und als Nachschlagwerk empfohlen.
Quelle: Konold, W. & Petit, C. (Red.) (2013): Historische Terrassenweinberge, Reihe Bristol Stiftung, Haupt Verlag Bern, 333 S., ISBN 978-3-258-07806-9.

Mario F. Broggi, 24.9.2026