
Flurnamen sind historisch gewachsene Bezeichnungen für kleinräumige Geländeabschnitte, die wertvolle Hinweise auf die ursprüngliche Beschaffenheit der Landschaft, ihrer Fauna und Flora sowie die frühere Nutzung geben. Sie sind „Spiegel der Landschaft“ und bewahren oft Wissen über die Naturlandschaft in ihrer ursprünglichen Form. Die Flurnamen sind so immaterielles Kulturgut, „fossile“ Informationsträger und helfen mit, die Entwicklung der Kulturlandschaft zu rekonstruieren. Sie bewahren damit Wissen über Naturräume. Ich habe mich vor längerer Zeit mit den Flurnamen aus der Tier- und Pflanzenwelt im Fürstentum Liechtenstein beschäftigt (Broggi 1973, 1978). Ebenso wurden die Flurnamen mit Wasserbezug in der Liechtensteiner Rheintalsohle erfasst. Es waren um die 500 Flurnamen (Broggi 1981). Fast ein halbes Jahrhundert später beschäftigt mich dieses Thema neuerlich. Ich hatte mich inzwischen mit der Kolleffel-Karte des Jahres 1756 befasst und den Landschaftswandel beurteilt. Mit diesem Wissen möchte ich die landschaftlichen Veränderungen im rheinnahen Bereich Liechtensteins nochmals anschauen. Als Grundlage dienen mir die Flurnamen in den topographischen vier Blättern der Landeskarte 1: 10 000, nachgeführt bis 1989, mit den dort festgelegten Schreibweisen. Die Karten-Auswertung erfolgt hier nur exemplarisch und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit bezüglich der erwähnten Flurnamen. Es werden vor allem die Flurnamen mit Bezug zu den Auen, den Feuchtgebieten und Wasserläufen, auch zur Bodenbeschaffenheit im Hinblick auf den Landschaftswandel interpretiert. Die wichtigsten bibliographischen Hinweise zu Orts- und Flurnamen mit ihrer Sammlung, Bearbeitung und Deutung findet sich im Liechtensteiner Namenbuch (Stricker et al. 1999). Es wird nachfolgend bei der Darstellung der Geschichte von einzelnen Flurnamen auf dieses Werk verwiesen.
Die Kolleffelkarte 1756
Der Ravensberger Militärkartograph Johann Lambert Kolleffel (1706-1763) zeigte mit seiner Karte des Fürstentums Liechtenstein für seine Zeit erstaunliche kartographische Fähigkeiten. Die Genauigkeit lässt ausreichend Interpretation für eine Landschaftsbeschreibung der damaligen Zeit zu (Broggi 2019). Die leicht aquarellierte Federzeichnung wird vom Rheinverlauf bestimmt und ergibt einen ungefähren Massstab von 1: 22‘600. Der dargestellte Rheinverlauf bildet die wohl wertvollste Aussage dieser Karte. Er ist noch wenig gezähmt und häufig mehrarmig ausgestattet. Die Wasserflächen sind blau eingefärbt und so prägend dargestellt. Die Breite des Rheins kann durchschnittlich mit circa 1‘000 Metern abgeschätzt werden, also rund zehnmal mehr als der heute durchgehend kanalisierte Rhein. Im Bereich von Triesen und zwischen Schaan und Bendern dürften diese Ausmasse überschritten worden sein.

Auen begleiten bandförmig den Fluss. Aber bereits zur Römerzeit und im beginnenden Mittelalter dürften grosse Teile des Talbodens gerodet worden sein. Gemäss einer Eigenplanimetrierung dürften auf der Karte noch ca. 600 ha Auwald dargestellt sein. Heute dürfte das Ausmass des nicht mehr überschwemmten Galeriewaldes entlang des Rheins noch etwa 80 ha betragen. Seit rund 1000 Jahren wurde das offene Grünland im Talraum meist als Vieh- und Pferdeweiden genutzt. Die Streue diente als Futter oder Stalleinstreu, dies in Form einer einmaligen Mahd im Spätherbst oder Winter.
Es handelt sich um Feuchtgebiete, Entwässerungssysteme sind auf der Koleffelkarte noch keine erkenntlich. Als Nutzungsart taucht die Bezeichnung „mosigtes Riedt“ auf der Karte mit eigener Signatur auf. Diese als Streue genutzte Fläche umfasst gemäss Eigenplanimetrierung 2‘350 ha. Das ist ein beträchtlicher Anteil der 3‘220 ha umfassenden Talsohle ohne Eschnerberg-Erhebung. Von diesen damaligen Streuriedern sind inzwischen 97 Prozent verschwunden. Erst seit Ende der 1980er Jahre bleibt der Streueanteil auf sehr niedrigem Niveau konstant. Mit diesem Landschaftswandel und mit dem Schwund der Auen haben sich zwei Veröffentlichungen beschäftigt (Broggi 1999, 2019). Es überrascht nicht, dass die Flurnamen mit Au und Riet die häufigsten diesbezüglichen Flurnamen nahe dem Alpenrhein darstellen.
Die Auen

Unter Auen wird der Bereich des Talraums verstanden, der periodisch durch die Fliessgewässer überflutet wird. Auen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas und beherbergen zwei Drittel aller heimischen Lebensgemeinschaften. Sie werden als die „Regenwälder“ unserer Breiten bezeichnet. Damit ist ihre herausragende Bedeutung für die biologische Vielfalt angedeutet. Die periodischen Überschwemmungen sorgen für die permanente Erneuerung der Landschaft, die vielen Pionierarten Überlebensmöglichkeiten bietet. Heute wissen wir, dass die Dynamik für die biologische Vielfalt eine grosse Rolle spielt. Flüsse mit Auen bilden „blaue Lebensadern“, sie vernetzen die Landschaft. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Flüsse eingedämmt und begradigt. Dadurch wurde das Umland vom Fluss abgetrennt, um Landwirtschafts- und später Siedlungsland zu gewinnen.
Im schweizerischen Bundesinventar der Auen von nationaler Bedeutung werden 326 Objekte (Stand 2020) mit 278 km2 Fläche ausgewiesen, was 0.7% der Landesfläche entspricht. Dabei sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts 90% aller Auen verschwunden und ein grosser Teil der ausgewiesenen Objekte flankieren Flüsse, sind aber nicht mehr überschwemmbar. Für das liechtensteinische Alpenrheintal präsentiert sich ein ähnliches Bild. Die Mitte des 18. Jahrhunderts noch bestehenden 600 ha Auen sind auf 80 ha geschrumpft. Es sind also nurmehr 13% verblieben, die alle nicht mehr überschwemmbar sind. Es sind damit nach der Definition keine Auen mehr, obwohl im Volksmund noch so genannt. Sie sind als Galeriewälder entlang des Rheines zu bezeichnen (Broggi 1999). Eine echte Au wurde um die vergangene Jahrhundertwende mit einigen Revitalisierungsmassahmen unterhalb von Ruggell Im Liechtensteiner Binnenkanal geschaffen. Dort kann bei Hochwasser ein Rheinau-Abschnitt auf 1‘300 Metern bis zum Mündungsbereich in den Alpenrhein neu überschwemmt werden.
Der Flurname „Au“ – auch in Zusammensetzungen – kommt allein in Ruggell mit „Spetzau, Rheinau, Widau, Au, Schneggenäule, Weienau, Oberau und Auäcker“ achtmal auf der Landeskarte M. 1: 10 000 vor. Diese Flurnamen finden sich im Bereich noch bestehender oder aber gerodeter Auen, Der Aubegriff kommt sonst in der weiteren Talsohle nicht vor, ausser die etwas vom Rhein entferntere „Schaanerau“ in Vaduz. Der Rheinbezug ist also offensichtlich.


Der Hinweis auf Rodungen von Auen ist in vielen Flurnamen enthalten. Sie folgen meist landeinwärts den Auen-Flurnamen und sind häufig mit Rütti (= reuten, roden) zusammengesetzt, so „Undere und obere Neugrütt“ in Balzers oder „Rütti und Rüttili“ in Vaduz. Sie sind Hinweis auf die einstige Rodung. Urbarisierungen finden sich auch in „Neufeld oder Neuguet“ in Vaduz oder im rheinnahen „Neuland“ in Gamprin“.
Riet
Die zahlreichen Namen auf „Riet“ müssen nach Hammer (1973) an das althochdeutsche hriot, riot = Schilfrohr angeknüpft werden. Da sich das Schilfrohr auf wässrigem Boden entfaltet, hat das Wort früh eine semantische Erweiterung erfahren, und zwar in Richtung „sumpfiger Boden“, gewöhnlich mit Schilf und Binsen bewachsen. Steinmüller (1804) fasste es so zusammen: „Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts (also des 18.Jh., Anm. MFB) bestand weit der grössere Theil des von Natur zur Fruchtbarkeit bestimmten waagrechten Rheintälchens aus Allment, welche man überhaupt Riedboden nennet, und wovon keinen anderen Nutzen zog, als dass alljährlich das Rindvieh und vorzüglich auch die Pferde selbst einige Wochen lang schlechte und zum Theil ungesunde und versumpfte Weide fanden“. In Liechtenstein ist von „Riet“ die Rede, während in Vorarlberg die Flurnamen mit „Ried“ aufscheinen, also „Ruggeller Riet“ und das benachbarte Vorarlberger „Bangser Ried“.

Teile des heutigen Acker- und Wieslandes werden als „Riet“ bezeichnet, obwohl die sachlichen Voraussetzungen dafür nach den Entwässerungen weitgehend weggefallen sind. Es sei nochmals daran erinnert, dass seit der Mitte des 18. Jahrhunderts 97% der Streueflächen in der liechtensteinischen Rheintalsohle verschwunden sind. Auf die Aufzählung der zahlreichen Rietnamen, meist auch in Komposita vertreten, wird hier verzichtet. Sie folgen in der Regel den Au-Flurnamen landeinwärts, finden sich aber auch rheinabgewandt, so auf Torfboden in Balzers-Mäls in „Fläscher Riet“, „Riet“, „Torbariet“, „Junkerriet“ und „Rietle“ wie zahlreich im Maurer Riet mit „Ober Riet“, „Rietle“, „Rietfeld“ bis zu den „Nendler Rietteilen“.
Zum Riedgras gehören auch die „Streue“-Flurnamen, wie im „Streuriet“ in Eschen oder „Streueteile“ im Schellenberger Riet. Auch das Schilfrohr ist vertreten mit „Rormeder“, so in Eschen. Ebenso gehören die Binsen-Flurnamen zum Sinnkreis des Sumpfgrases, also Böden mit Staunässe wie etwa „Binza“ in Mauren.
Bioindikation mit Tieren und Pflanzen
In den ursprünglichen Auen sind die Schwarzpappel und die Weissweiden die prägenden Baumarten. Die Schwarzpappel heisst bzw. hiess im Dialekt der Region „Alber“, wo sie neben der „Felbe“, der Weissweide, die ehemalige „weiche“, häufig überschwemmte Au bildete. Alber-Flurnamen liessen sich in Balzers, Schaan und Ruggell belegen. In Liechtenstein ist zudem im Unterland der Familienname Alber seit 1569 belegt (vgl. Liechtensteiner Namenbuch FLNB II/3, 17f). Die Weissweide ist die grösste der vielen einheimischen Weidenarten und prägt noch hie und da den ehemaligen Riet-Raum. Damit liessen sich Flurnamen in verschiedenen Gemeinden verbinden. Bei der „Widau“ in Ruggell ist es naheliegend.


Aus dem Tierreich ist das „Krottaloch“ in Triesen als Amphib auf der Landkarte vermerkt. In der „Weienau“ in Ruggell dürfte der Greifvogel Weihe stecken, der in offenen feuchten Landschaften lebt und am Boden brütet. Auch viele Schnecken lieben es feucht, darum das „Schneggenäuele“ in Ruggell. Der „Egelgraben“ in Schaan dürfte mit dem Pferdeegel verbunden sein. Der „Krebs- oder Eschbach“ auf der ältesten Spezialkarte Liechtensteins des Jahres 1721 weist auf frühere Krebsvorkommen in unseren Gewässern hin. In Ruggell gibt es zweimal den Flurnamen „Feschera“, was auf Fischerei hinweist und heute im Gelände nicht mehr nachvollziehbar ist.


Bodenbeschaffenheit mit Wasserbezug
Hinweise auf die Bodenbeschaffenheit mit Wasserbezug, meist sumpfigen Boden, sind ebenfalls zahlreich. Auch beim „Moos“ als Sachwort neben Riet handelt es sich um feuchtes, sumpfiges Land. Dafür findet sich in Rheinnähe einzig das „Entamoos“ im lockeren Föhrenbestand nördlich von Balzers. Das ist ein Auenausläufer des Alpenrheins früherer Zeiten. Die weiteren Flurnamen mit Moos befinden sich abseits des Rheins.
Der Ausdruck „Pritschen“, meist als „Bretscha“ gesprochen, wurde ebenfalls als Synonym für Moor- oder Torfboden verwendet (vgl. FLNB I/5,78-2(I). In Liechtenstein findet er sich nicht weiter südlich als Schaan und befindet sich meist in Dorfnähe. Es sind über 20 diesbezügliche Flurnamen teils in Wortverbindungen bekannt, „Fallsbritschen“ in Bendern, „Grossbretscha“ und „Erlabretscha“ in Eschen oder „Undera Bretscha“ in Mauren gehören dazu. Im „Bretscha“ in Schaan überquert man in Richtung Bendern den Bahnübergang der OeBB. Beim brüsken Anhalten schwerer Fahrzeuge fühlt man Bewegung auf dem schwammigen Untergrund.
Ein Hinweis auf die feuchte Bodenbeschaffenheit findet sich auch in den „Schlatt“-Flurnamen, mit Verweis auf ein abflussloses Feuchtgebiet oder feuchte Wiese, wie „Schlatt“ in Ruggell oder „Mederschlatt“ in Schaan (vgl. FLNB I/5, 470f.). Auch der Flurname „Brühl“ wird mit einem nassen, sumpfigen Wiesgelände in Verbindung gebracht, so „Brüel“ oder „Brüelgraben“ in Eschen (vgl. FLNB I/5,84). Die Flurnamen mit“ Lett“ begleiten den Rheinverlauf. Lett oder Letta bezieht sich auf die Bodeneigenschaft mit Lehm oder toniger Erde, die schwer zu bearbeiten ist (vgl. FLNB I/5, 326). Der Boden ist schwer, wasserundurchlässig und klebrig, und solche Böden bildeten sich im etwas entfernteren Überschwemmungsbereich des Rheins mit feinen Sedimentablagerungen. Selbst im Ruggelller Riet finden sich Lehmschichten eingelagert in den Torfschichten. Zur Bodenbeschaffenheit gehört auch der „Sand“ (vgl. FLNB I/5,453). Der Flurname bezeichnet ein Gebiet, das historisch durch sandige oder kiesige Böden geprägt ist. Das ist typisch für das ehemalige Rheinufer oder wurde durch Überschwemmungen so erzeugt, so im „Sand“ und „Neusand“ in Triesen.
Wo Torfschichten anstehen, ist der Flurname „Torbateil“ in Schaan oder „Tuarbariet“ in Ruggell nicht weit (vgl. FLNB I/5, 554). Die „Rooss“, kleine Teiche oder Wassergruben zum Einlegen von Hanf und Flachs, kommen fast in jeder Gemeinde teils verballhornt vor (vgl.FLNB I/5 437f). Da der alte Wirtschaftszweig verloren gegangen ist, verloren die Flurnamen allmählich den Inhalt und mutierten in Richtung „Rose“ oder „Ross“, also Pferd. „Obrosa“ in Ruggell“ und „Rösle“ und „Rosengarten“ in Schaan weisen noch darauf hin. Ähnliches ist über Gillen-Güllen zu sagen. Das sind Wasserlachen, Tümpel, also Wasseransammlungen, so in der „Gölla“ in Gamprin (vgl. FLNB I/5, 228).
Gewässer mit Rhein, Bächen, Giessen und Weihern
Flussnamen sind in der Regel alte Namen. Der Name Rhein soll sich von einer vorrömischen, indogermanischen Bezeichnung ableiten, die „fliessen“ bedeutet (vgl. FLNB, I/5, 429-431). Der Rhein wird in sechs Flussabschnitte aufgeteilt. Der Alpenrhein beginnt am Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau (GR) und endet im Bodensee. Es folgt der Hochrhein bis Basel und dann wird er zum Oberrhein. Die „Oberrheinischen Nachrichten“, eine Liechtensteiner Zeitung der Jahre 1914-24, hielt sich nicht an diese geographische Zuordnung.
In Liechtenstein gibt es nicht viele mit Rhein zusammengesetzte Namen. Der Galeriewald entlang des Alpenrheins wird in den Gemeinden Balzers, Vaduz, Schaan, Eschen und Ruggell „Rheinau“ genannt. In Ruggell gibt es die „Rheinwiesen“, in Balzers findet sich der Flurname „Rheinbruch“, der auf eine Überschwemmung des Jahres 1868 hinweisen könnte.

Als der Rhein noch frei durch das Rheintal floss, bildeten sich viele Inseln, eine bekannte war die „Heuwiese“, die später anlandete und heute zur Schweiz gehört. Böse Zungen behaupten, dass die Triesner zu viel Most tranken und die Werdenberger die Zeit nutzten, um den Rhein mit Schupfwuhren in Richtung Osten zu drücken.
Es gibt noch einige Insel-Flurnamen (vgl. FLNB I/% 268 f). Möglich ist eine Inselbildung auch im Netzwerk der damals zahlreichen Giessgänge. Die Insel-Flurnamen konzentrieren sich auf die Gemeinde Balzers, so gibt es an der Landstrasse von Balzers nach Trübbach südlich davon ein Insel-Flurname. Ein „Insili“ findet sich auch südlich des ehemaligen Swarowski-Werkes in Triesen. Südlich der Landstrasse nach Trübbach in Balzers konzentrieren sich die meisten Flurnamen mit Wasserbezug. Sie heissen „Altneugut, Neugüeter, Äulehäg, Äule, Alt Rüttena, Schefflände, Oberau, Brüel, Selbergiessen, Äulesteg“.
Es gibt eine Gewässerabstufung nach ihrer Grösse in „-ach“, „bach““ und „graben“. Grössere Fliessgewässer wie die Bregenzer- und Dornbirner Ach kommen in Liechtenstein ausser dem Rhein nicht vor. Der Alpenrhein hatte auf der liechtensteinischen Seite einst 13 Zuflüsse, die erst ab den 1930er Jahren zu einem einzigen Abfluss im Liechtensteiner Binnenkanal zusammengefasst wurden. Der „Graben“ unterscheidet sich vom „Bach“ durch den kleineren und häufig auch künstlich angelegten Wasserlauf. Bei den rund 30 Bach-Flurnamen (vgl. FLNB I/5 38 f.) handelt es sich meist um Fliessgewässer, die in den Hanglagen entspringen, während die rund 20 Namen mit „Graben“ (vgl. FLNB I/5, 213 f.) ausschliesslich in der Ebene zu finden sind. Die „Giessen“ ihrerseits sind meist grössere Bäche mit wenig Gefälle, die sich aus Grundwasseraufstössen netzartig in verschiedene Arme aufteilten (vgl.FLNB I/5, 206). Viele dieser in den Karten eingezeichneten Fliessgewässer bestehen in Natura nicht mehr. Sie wurden im Zuge der Entwässerung der Rheintalebene im Verlauf des 19. Jahrhunderts eliminiert und später bei den Meliorationen verrohrt. Mit der grosszügigen Kiesentnahme nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1970 im Ausmass von ca. 15 Mio. Tonnen senkte sich die Rheinsohle um vier bis fünf Meter und damit auch der Grundwasserstand. Dadurch sind alle Giessgänge ausgetrocknet. Der Gehölzverlauf erinnert an diese Giessgänge. In einem Gewässerinventar der Talsohle war die Hälfte aller Fliessgewässer ausgetrocknet oder führte nur mehr periodisch Wasser (Broggi 1985). Der „Giessa“ kommt in Ruggell vor.

Der „Selbergiessen“ in Balzers entwässerte einst im Raum „Äule“ im Rheinknie und führte über den „Husteilbach“ bis in den Bereich der heutigen Landstrasse Balzers-Triesen nach Norden. Der „Oberaubach“, der „Dreiangelbach“, der „Möli- und Stadelbach“ und der „Altabach“ sind noch letzte Flurnamenerinnerungen, wobei einige dieser Gerinne wieder mit Rheinwasser versehen wurden. Auch einige mit „Graben“ bezeichnete Gewässer sind auf den untersuchten Landeskarten noch eingezeichnet, so in Schaan der „Egel- oder „Augraba“. Der wohl berühmteste Graben ist der „Scheidgraben“, der das Unterland vom Oberland trennt. Hinweise auf vom Menschen genutzte Fliessgewässer geben die Mühlbäche wie der „Mölibach“ in Ruggell. Der „Schmettakanal“ in Ruggell zeigt seine künstliche Anlage an.
Stehende Gewässer sind in Liechtensteins Talebene selten. Es handelt sich meist um in jüngerer Zeit errichtete Wasserflächen wie im „St. Katharinenbrunnen“, im „Junkerriet“ in Balzers oder im „Haberfeld“ in Vaduz. Der einzige See in der Talsohle ist das “Gampriner Seelein“, welches im Zuge der Rheinüberschwemmung des Jahres 1927 natürlich entstanden ist. Der Flurname „Weiher“ in Mauren inmitten des Siedlungsareals verweist auf einen ehemaligen Weiher, wobei dadurch der Baugrund eine schlechte Fundation aufweist und darum nicht verbaut worden ist.
Hinweise auf frühere Wuhrtechniken
Die älteren Kartenwerke zeigen uns einen noch einen nicht eingedämmten Rheinverlauf, wobei es seit dem Mittelalter immer wieder Versuche gab, Rheinabschnitte zu sichern. Bekannt war eine Anländestelle für die Holzflösserei beim Schollberg auf der St.Galler Seite.
Aus der Zeit der früheren Rheinabwehr ist der Flurname „Trachter“ nördlich des Gartnetschhofes in Triesen verblieben (vgl. FLNB I/5, 545). Die Wuhrbautechnik des Trachterwuhres soll den Rhein gestaut und wie in einem Trichter zurückgehalten haben. Dieses Trachterwuhr soll nach der Rheinüberschwemmung des Jahres 1789 errichtet worden sein. Der Flurname „Schliessa“ im Grenzgebiet von Vaduz zu Triesen bezeichnete ein sumpfiges Streuland (vgl. FLNB I/5, 473). Der Name leitet sich vom Schliessadamm ab. Dies war eine bauliche Einrichtung mit Damm, die bei Hochwasser dem Rhein keinen Rückstau des Seitengewässern erlaubte.

An einen „Rheinbruch“ erinnert der Flurname gleichen Namens auf der Höhe der Industriezone „Neugrütt“ in Balzers. In verschiedenen Jahrhunderten wurden parallele Dämme zum Rhein errichtet, sie wurden falls später nicht abgetragen zu Binnendämmen. Sie finden sich ausgeprägt in Balzers, Vaduz und in Schaan. In Ruggell wurde ein Damm gegen Rhein angelegt und dahinter Ackerbau betrieben, wobei seinerseits diese Flur gegen Osten mit einem weiteren Damm gegen das Feuchtgebiet des Ruggeller Rietes geschützt wurde. Dort ist der Flurname „Dammwesa“ verblieben. In der Eschner Rheinau finden sich die Flurnamen „Rheindamm“ und „Binnadamm“, wobei letzterer weit in Richtung Süden bis Schaan besteht. In diesem Verlauf taucht auch noch der Flurname „Underem Damm“ auf. Auch in Triesen gibt es einen Flurnamen „im Damm“ in der Nähe des Gartnetschhofes.
Zu den Dämmen passen auch die „Specki“, das sind Knüppeldämme oder Knüppelwege über sumpfigen Boden wie “in der Specki“ in Schaan oder „Speckenmad“ in Mauren (Vgl.FLNB I/5, 499 f.). Die „Knebelbrücken“ sind wie Specki zu deuten, sind allerdings eine jüngere Form. Brücken überspannten Gräben, Giessen oder Bäche und so verbliebene Flurnamen sind indirekte Hinweise auf frühere Gewässer. Am Südrand von Triesen gibt es eine Strasse „Knebelbruck“ den Hang hinauf. Hier zeigt sich das Phänomen, dass Flurnamen auch wandern, ihren ursprünglichen Platz verlassen. Dies dürfte auch für „Gapont“ zutreffen, mit Bezug zu einem historischen Brückenhaus oder Brückenkopf von Triesen zur „Heuwiese“ im 15. Jahrhundert (vgl. FLNB I/5, 345-47).
Und noch etwas Exotisches
Mir ist ein Flurname in Buchs mit „Afrika“ aufgefallen (vgl. Werdenberger Namenbuch, 207, Bd. 3, S. 1f und Bd. 7, S.5). Es handelt sich dabei um eine ehemalige Kiesgrube nördlich der Autobahnraststätte. Ich hatte den Auftrag, beim N13-Autobahnbau im Sinne des ökologischen Ausgleichs diese Kiesgrube für Naturschutzwecke zu revitalisieren. Das Gebiet soll im Ersten Weltkrieg gerodet worden sein, um Kulturland zu gewinnen. Es handelt sich um einen heissen, sandigen Ackerboden in Rheinnähe, der wie in Afrika gedeutet wurde. Und so erhielt das „Afrika“ wohl seinen Scherznamen. Ich kenne ähnliche klimatische Bedingungen südlich von Wien an der Donau. Dort heissen diese Flächen „Heissländen“. Ich suchte auch in Liechtenstein nach möglichen Scherznahmen im Flurnamenbereich und wurde dabei fündig. Flurnamen, die sich in fernen Ländern ähnlich wie beim „Afrika“ widerspiegeln, gibt es mindestens drei. So findet sich in Triesen der Flurname „Messina“ mit der heutigen Messinastrasse, wo die naturkundlichen Sammlungen des Landes beheimatet sind (vgl. FLNB I/5, 439). Der Flurname bezieht sich auf die gleichnamige sizilianische Stadt und ist wohl eine junge Schöpfung und könnte sich auf das Erdbeben des Jahres 1908 beziehen. Es bedeutet hier ein Ort weit entfernt. Kalifornien findet sich im Flurnamen „Kaliforniteile“ und bedeutet wohl auch wie Kalifornien weit entfernt (vgl. FLNB, I/5, 278 f.). Das könnte auch für die Flurnamen „Kanada“ in der Gampriner Au und „Ganada“ im Eschner Riet gelten. Neben der scherzhaften Bezeichnung mit ebenfalls „weit weg“ meinten Stricker et al. (1999), dass darin vielleicht das rätoromanische cannada mit Röhricht, Schilf stecken könnte, was realmässig passen würde.
Es gibt auch Flurnamen, die von den heutigen Bewohnern nicht mehr verstanden wurden oder in ihrer Verwendung für Strassennamen gar abgelehnt werden. Die Bewohner des Schaaner „Im Malarsch“ dürften mit dieser Bezeichnung wohl nicht alle begeistert sein. Dabei steckt dahinter der sympathische „Malair“ also der Apfelbaum. Aus Mauren erfuhr ich einst vom lokalen Widerstand gegen die Verwendung von „Gaggalätsch“ als Strassenname. Der Flurname dürfte romanischen Ursprunges sein und mit „curtinatsch“ grosser Baumgarten bedeuten. In Verballhornung ist daraus „Gaggalätsch“ entstanden. Ich hatte mein erstes Büro „im Widagraba“ in Vaduz. Das war auch ohne Verballhornung bereits schwierig in Deutschland zu erklären bzw. musste jeweils als Adresse buchstabiert werden.
Schluss
Das umfangreiche Werk des Liechtensteiner Namensbuchs liegt in sechs Bänden vor (Stricker et al. 1999). Es gibt uns wie vielfach erwähnt und zitiert Informationen und häufig Klarheit über die etymologische Interpretation der einheimischen Flur- und Ortsnamen, wofür ich nicht geschult bin. Das erleichtert mir die Ausleuchtung der Flurnamen hinsichtlich ihrer spezifischen Aussagen auf den Aspekt der ehemaligen Natur- und Kulturlandschaft. Mit dem Blick für das natur- und heimatkundliche Interesse über frühere Zustände vermögen uns diese Namen wertvolle Aufschlüsse über die frühere Natur- und Kulturlandschaft zu geben.

Der Alpenrhein hatte einst unserer Tallandschaft ihr Gesicht gegeben. Wir finden seine Spuren bis zu seinen Prallhängen beidseits der Taleinhänge. Der Rhein nagte einst die Rüfeschuttkegel der Lawena- und der Mühleholzrüfe an. Das zeigt sich entlang der alten Landstrasse von Balzers nach Triesen und im Haberfeld in Vaduz. Flur- und Ortsnamen können uns über diese naturräumlichen Verhältnisse orientieren, denn sie wurden ja von den darin wohnenden und arbeitenden Menschen gegeben. Die überwiegende Mehrheit der in dieser Arbeit behandelten Flurnamen sind allerdings durch den Landschaftswandel „sinnlos“ geworden. Diese ehemaligen Strukturen lassen sich erst mit alten Landkarten und den Flurnamen rekonstruieren, weil durch die Banalisierung der Landschaft vieles nicht mehr im Gelände verständlich ist. Der Flurname wird zum Relikt des Verschwundenen. Dazu zählen die überschwemmbaren Auen, aber auch die traditionellen Elemente der Kulturlandschaft mit den Gräben, ihren Krebsen, den Brücken, den Ziehbrunnen, den Schleusen, dem Torfstich, dem Hanf- und Flachsanbau mit den „Roosen“. Verblieben sind uns in der durchmeliorierten Zivilisationslandschaft Flurnamen wie „Insel“, „Schifflände“, „Bruckmähder“, „Mühlbach“ oder „Lettensteg“, die selbst im bestverständlichen Hochdeutsch im Umfeld der Landschaft nicht mehr zu verstehen sind. Der „St. Katharinenbrunnen“ in Balzers, wo heute noch eine Quelle ungefasst fliesst, wird so zur Ausnahme, der noch eine Identifizierung zulässt. Auch der künstlich errichtete „Scheidgraben“ trennt bzw. scheidet noch das Unter- vom Oberland.

Das Rad der Zeit kann man nicht zurückdrehen. Die Summe der Veränderungen von einst typischen Merkmalen der liechtensteinischen Rheintallandschaft hat ein Mass erreicht, das jede Vielfalt und Charakteristik der Landschaft verflacht. Ist dies ein Beitrag zum Verlust der Identifikation mit der Heimat? In unserer Welt des Umbruchs ist ein Bedürfnis nach Rückschau erwacht. Früher war Umwelt trotz aller menschlichen Eingriffe noch primäre Schöpfung und die sekundäre Schöpfung des menschlichen Werkes samt dem Menschen war darin aufgehoben. Ist unsere „Hochzivilisation“ noch schöpfungskonform? Ich rede dem Wilhelm Tell-Mythos mit nostalgischer Rückblende nicht das Wort. Es braucht aber Impulse, damit wir heute und in Zukunft ein stärkeres Bewusstsein für die Landschaft entwickeln. Kann Liechtenstein noch Heimat oder Umgebung sein, mit der wir uns identifizieren können, weil sie uns eine Orientierung nach menschlichem Mass ermöglicht? Ich weiss keine Antwort. Ich bin ein pessimistischer Optimist, weil es ohne Optimismus nicht geht.
Dank
Ich danke Prof. Dr. Hans Stricker, Grabs (SG) für wertvolle Hinweise, insbesondere für die Verweise auf das Liechtensteiner Namenbuch.
Eigene Quellen zum Thema
Broggi, M.F. (1973): Die Tierwelt in den liechtensteinischen Flurnamen, Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, 78: 255-280.
Broggi, M.F. (1978): Die Pflanzenwelt in den liechtensteinischen Flurnamen. Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, 78: 203-258.
Broggi, M.F. (1981): Der Wandel der Natur- und Kulturlandschaft im Liechtensteiner Rheintal, dargestellt am Beispiel der Flur- und Ortsnamen mit Wasserbezug (Feuchtgebiete). Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, 81: 155-222.
Broggi M.F. (1985): Ökologisches Gewässerinventar im Talraum des Fürstentums Liechtenstein. Berichte der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg, 14: 179-210.
Broggi, M.F. (1999): Die liechtensteinischen Galeriewälder entlang des Alpenrheins. Berichte der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg, 26: 67-72.
Broggi, M.F. (2019): Eine Interpretation des Landschaftswandels aufgrund der Auswertung der Special Charte von dem innern Theil des Reichs Fürstenthums Lichtenstein des Johann Lambert Koleffel aus dem Jahr 1756. In: 1719-2019 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein, Rainer Vollkommer, Liechtensteiner Landesmuseum, S. 189-200.
Zitierte Quellen
Hammer, T.A. (1973): Die Orts- und Flurnamen des St.Galler Rheintals. Namensstruktur und Siedlungsgeschichte. Frauenfeld, Stuttgart, Studia Linguistica:2.
Stricker, H.; Banzer, T., Hilbe, H. (1999): Liechtensteiner Namensbuch, die Orts- und Flurnamen des Fürstentums Liechtenstein, Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, 6 Bände.
Stricker, H. (2017): Werdenberger Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen der Region Werdenberg, 8 Bände, Zürich.
Mario F. Broggi, 23.2.2026