Es ist wieder die Woche der Nobelpreisverleihungen. Nach dessen Gründer Alfred Nobel sollen diejenigen, die im vergangenen Jahr den grössten Nutzen für die Menschheit erbracht haben, ausgezeichnet werden. Dies findet seit 1901 Beachtung und darüber wird in unseren Breiten in den stündlichen Nachrichten berichtet. Ich gestehe, ich weiss manchmal gar nicht Bescheid um die beschriebenen Verdienste der Forschenden. So ist mir die auszeichnungswürdige Optogenetik für den Medizinpreis des Jahres 2026 nicht präsent. Noch weniger verständlich ist der Chemie-Nobelpreis für die „Entdeckung nichtlinearerer Effekte und Autokatalyse in asymmetrischer organischer Synthese“, wobei einer der Empfänger 95jährig ist. Hat man in den letzten Jahrzehnten verpasst, ihn auszuzeichnen?

Ich bin dankbar für die Sichtbarmachung wissenschaftlicher Leistungen und dazu trägt dieser Preis herausragend bei. Ich meine aber auch, dass der Nobelpreis weiterentwickelt werden sollte, er ist nicht mehr zeitgemäss. Ich habe mir meine nachfolgenden Gedanken nicht über KI erstellen lassen. Ich denke noch selbst. Aber über Google habe ich einige Informationen über den Nobelpreis erhoben, die ich hier verwende. So habe ich gelesen, dass man bei rund 3‘000 Wissenschaftern Vorschläge einholt, die handschriftlich und postalisch einzureichen sind. Diese Vorschläge sollen 50 Jahre unter Verschluss bleiben. Die Berücksichtigung der Historie ist gut, aber ich meine, es braucht nach der Analyse dieses Preises doch eine Weiterentwicklung. Persönlich war ich selbst in der Wissenschaft tätig und habe auch 30 Jahre einen Umweltpreis mitbetreut (Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz), womit ich mit dem Thema etwas vertraut bin.

Beim Nobelpreis werden Leistungen in den Bereichen Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Frieden ausgezeichnet. 1968 wurde zudem der Preis für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel geschaffen, der von der schwedischen Nationalbank finanziert wird.

Und hier fängt für mich der erste augenscheinliche Mangel an. Diese Einteilungen sind überholt, nicht mehr zeitgemäss. Alles fliesst, geht ineinander über, diese Begrenzungen bilden die heutige Wissenschaft und Gesellschaft nur teilweise ab. Es stossen neue Themen dazu, die überlebenswichtig sind, in meinem Arbeitsgebiet diejenigen der biologischen Vielfalt und des Klimawandels. Für naturwissenschaftliche Leistungen im Bereich des Naturschutzes wurden zwar ebenfalls schon Nobelpreise vergeben. Karl von Frisch erhielt für seine Bienenforschung und Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen für ihre Verhaltensforschung an Tieren den Nobelpreis, dies aber in den Bereichen Physiologie oder Medizin.

Mein zweiter Haupteinwand: wissenschaftlicher Fortschritt ergibt sich komplex, der Nobelpreis erweckt den Eindruck, den objektiv besten Beitrag mit der wichtigsten Person eines ganzen Fachgebietes gefunden zu haben. Im Preis wird ein Held, ein Genie ausgezeichnet, was eine Überhöhung der Wirklichkeit darstellt. Moderne Forschung entsteht im Team, in Kooperationen, auch zunehmend international. Daran können Hunderte beteiligt sein. Ich kann mir vorstellen, dass ein von einem Praktikanten eingebrachtes Stichwort die Initialzündung sein kann. Der Nobelpreis kann an maximal drei Personen vergeben werden. Ich nehme an, dass dies ein Beitrag zur Erkennung dieser Problematik sein soll.

Der Nobelpreis kann also die Realität nicht abbilden. Es wäre wertvoll, nicht den „Besten“ zu finden, sondern die herausragenden Leistungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Hier müsste von meiner Seite auch eine Kritik an der Feststellung von „Exzellenz“ beigefügt werden, die aus meiner Sicht lenkbar ist. Ich musste in meiner Zeit als Leiter eines Forschungszentrums dazu einiges lernen und berücksichtigen.

Der Preis zeigt in seiner über ein Jahrhundert langen Geschichte im Output auch weitere Schwachpunkte. Die Ausgezeichneten stammen historisch überwiegend aus Europa und Nordamerika, auch wenn sich der Nobelpreis in den vergangenen Jahrzehnten geografisch stärker geöffnet hat. Frauen sind dagegen bis heute massiv unterrepräsentiert: Sie stellen nur knapp 7 Prozent der bisher ausgezeichneten Personen. Wir wissen ja um die Mängel für den Aufstieg in Führungspositionen.

Besonders umstritten scheint mir der Friedensnobelpreis zu sein. Er scheint politisch beeinflusst, und gewisse Vergabungen sind im Rückblick schwer nachvollziehbar. Und wie soll es bei einer subjektiven Kunstform wie der Literatur gerecht zugehen? Es dürften hier seit jeher systemische Ungleichgewichte bei den Vergaben nicht vermeidbar sein. Es fällt ein eurozentristisches Verhalten auf, das man in letzter Zeit mildert. Das hat wohl mit den Sprachen und damit der Zugänglichkeit zu tun, was den globalen Süden eher benachteiligt. Das Evaluationsverfahren und damit das Management des Nominationsverfahrens ist geheim und damit von aussen nicht beurteilbar.

Mein Fazit: Der Nobelpreis ist für die Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen als solches nicht überholt. 1901 erstmalig ausgeschüttet, muss er aber weiterentwickelt werden. Die Preissumme von 11 Mio. schwedischen Kronen, derzeit also rund einer Million Euro, sind eine ansehnliche Preissumme. Es gab 1980 von Jakob von Uexküll den Versuch, einen offiziellen Nobelpreis für Umwelt und Entwicklung wie für die Wirtschaftswissenschaften beizusteuern. Das wurde abgelehnt. Sein „Right Lovelihood Award“ wird seither gleichenorts als “alternativer Nobelpreis“ geführt und er findet ebenso eine gewisse Beachtung. Zeitgemäss wäre seine Integration in den Nobelpreis, wie dies mit den Wirtschaftwissenschaften geschehen ist, allemal, wobei man der Versuchung widerstehen muss, die Gebiete inflatorisch zu entwickeln, wie dies mit den 23 Hauptkategorien für den Oscar geschieht.

Ich würde die Themengebiete neu ordnen.

Mario F. Broggi, 8.10.2026