Die Wunder Natur am Wegrand…

Der Verlust an Biodiversität ist eine der grössten existentiellen Krisen der Menschheit, die in ihrem Ausmass und ihrer Gefährlichkeit aus meiner Sicht als noch dringlicher als der Klimawandel einzustufen ist. Die Naturzerstörung findet schleichend statt. Der Niedergang der Biodiversität geschieht fast unsichtbar, still und geruchlos. Viele wissen gar nicht, was verloren geht, weil sie die Arten und damit die Artenvielfalt gar nicht kennen. Die Menschen sind immer weiter von Naturräumen entfernt und empfinden den auf Überdüngung hinweisenden Löwenzahn oder das angepflanzte Rapsfeld bereits als Vielfalt.

Aber ist es auch vielfarbig, summt es, riecht es nach Natur oder eher nach Gülle? Eine frühe emotionale Verbindung zur Natur und eine langfristig positive Einstellung zur Natur schwindet. Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen haben noch nie eine Fledermaus, keinen Fuchs oder Dachs gesehen, sind noch nie auf einen Baum geklettert oder haben noch nie ein Lagerfeuer gemacht. Naturentfremdung äussert sich dann durch Angst vor der Natur, zum Beispiel vor Insekten oder Schmutz, was den Naturschutz erschwert.

Dafür brauchen wir Biodiversität im Alltag. Es braucht eine grundlegende Änderung unseres Umgangs mit der Natur. Wir „Biodiversitäter“ informieren über die Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung. Unsere Aussagen sind auf aktuelle wissenschaftliche Grundlagen abgestützt. Wir argumentieren mit Zahlen. Es ist uns von Seiten des Naturschutzes bisher nicht gelungen, die Bedeutung der Biodiversitätsverluste einem breiteren Publikum zu vermitteln. Müssten wir als von der Natur Berührte nicht viel stärker die Mitmenschen mit Emotionen und einem Berührtsein an der Natur teilhaben lassen?

Sprache prägt unseren Umgang mit der Natur

Bilder und Emotionen werden durch die Sprache gesteuert, die Wortwahl beeinflusst dabei, wie die biologische Vielfalt vom Gegenüber wahrgenommen wird. Zentrale Begriffe mit Bezug zu Natur und Landschaft heissen Raum, Fläche, Dienstleistung, Netz, Entwicklung, Verdichtung. Wir messen, was wir können und reden von“ ökologischen Dienstleistungen“ und „ökologischen Infrastrukturen“ und bedienen uns dabei einer physikalisch-naturwissenschaftlichen Sprache.

Gefasster Stockbärgabach in Vals (GR) ohne Restwasser. Foto: Christian Göldi

Die erwähnte „Entwicklung“, nur um ein Beispiel zu nehmen, wirkt wie ein Zauberstab, mit dem man fast alles berühren und verwandeln kann, bis hin zu Ländern, die man „Entwicklungsländer“ nennt. Dem Wort Entwicklung haftet ein expertenhaftes Gepräge der Machbarkeit an. Was aber unter Entwicklung genau zu verstehen ist und welche Ziele damit befolgt werden, bleibt im Wortgebrauch blass.

Noch ein Beispiel? Nehmen wir die Restwassermengen, die Fischer und Gewässerökologen bei der Wasserkraftnutzung einfordern. Der Ausdruck „Restwasser“ erfasst Wasser aus der Sicht der Elektrizitätswirtschaft als nicht ausgebeuteten und damit verloren gegangenen Energieträger. Kilowattstunden lassen sich in Geld ausdrücken, die Vielfalt des Lebens kaum. Die ökologischen Aspekte des Wassers als Lebensraum von Tieren und Pflanzen in ihren Lebensgemeinschaften gelangen im Wort Restwasser nicht zum Ausdruck. Der semantische Kampf um die Perspektive beim Wasser ist zugunsten der Energiewirtschaft ausgefallen. Sie nimmt ihr Wasser aus dem Gewässer und führt es über Zuleitungen den Turbinen zu. Das führte zum Ausspruch: jeder Tropfen, der nicht durch eine Turbine fliesst, ist nicht veredelt. Und dies wird durch den zu bezahlenden Wasserzins an Kantone und allenfalls Gemeinden noch versüsst, ist reichlich mit Geld abgegolten. Da braucht es nicht viel, um eine allfällige Gegnerschaft gegen solche Projekte der Lächerlichkeit preiszugeben. So damals geschehen bei der Diskussion um die fünf Rheinkraftwerksprojekte Liechtenstein-Werdenberg, als man sich für die ökologische Intaktheit der Tierwelt mit Flussuferläufer, Fischen oder der Deutschen Tamariske einsetzte?

Die öffentliche Hand ist aufgefordert ihren Beitrag zur urbanen Biodiversität zu leisten, indem sie die Versiegelung reduziert.

Es fehlt uns im Sprachgebrauch der Ausdruck für das unersetzliche ökologische Kontinuum, das die Lebendigkeit der Fliessgewässer ausdrückt. Die Medaille hat zwei Seiten. Die eine lautet „einheimisch, sauber, erneuerbar“ mit zusätzlichem Wasserzins. Auf der Gegenseite stehen massiv Ökosystemverluste, die wenig zur Kenntnis genommen werden. Bei einer bisher erfolgten Nutzung von gegen 95% des technisch sinnvoll nutzbaren Potenzials hat das Wasser seinen Obulus an die Energienutzung beigetragen. Die Zitrone ist ausgepresst.

Wir vernachlässigen bisher die Emotionen zur biologischen Vielfalt. Stichworte hierzu sind Demut, Ethik, Empathie, Lebensfreude. Es braucht mehr Emotionen im Zusammenhang mit der Biodiversität, um Handlungen auszulösen. Auch wir Wissenschafter dürften mehr zu Emotionen stehen. Auf die Bedeutung der Wortwahl hat mich eine Studie von Hugo Caviola, Andreas Kläy und Hans Weiss „Sprachkompass Landschaft und Umwelt“ des Jahres 2018 aufmerksam gemacht. Seither verwende ich das eher technische Wort Biodiversität viel weniger häufig als die biologische Vielfalt. Die Fixierung auf den instrumentellen Wert der Natur, auf Nutz- und Geldwerte, muss aufgebrochen werden. Den Geruch von Heu kann man nicht in Geld umrechnen, um ein einfaches Beispiel zu nennen. Die Kommunikation von Fakten muss durch sinnlichere und emotionalere und damit auch positive Elemente erweitert werden.

Ein stärkerer Einbezug kultureller und ethischer Elemente

Wie erreichen wir eine grundlegende Änderung unseres Umganges mit der Natur? Es braucht Berührungen mit der Vielfalt des Lebens. Wir müssen über Biodiversität reden, nicht nur mit Fakten, sondern indem wir zeigen, was wir fühlen. Es sind Berührungen mit der Vielfalt des Lebens zu schaffen.

Zaghaft wird versucht mehr Naturnähe in den Siedlungsraum zu bringen, meist noch mit dekorativen Elementen.

Da gibt es viel zu tun. Wer regt sich in der breiten Bevölkerung über den Zustand ihrer Umgebung auf? Unser Abstandsgrün im überbauten Raum ist häufig biodiversitätsbefreite Zone, die mit einem Heer dröhnender Mäh-, Schneid- und Häckselwerkzeuge und Laubbläser bearbeitet wird. Da gibt es Handlungsbedarf, wobei die öffentliche Hand hier Vorbildfunktion haben sollte. Dies gilt auch für die vielen versiegelten öffentlichen Flächen, zum Beispiel um Schulhäuser. Es wird inzwischen mehr gepflanzt, häufig vor allem dekorativ. Wie können wir es erreichen, dass Biodiversität Glück und Freude bedeutet in all ihrer Vielfalt, mit ihren Formen und Düften, damit wir rausgehen und schauen?

Mir fällt auf, dass sich Menschen mehr für die Natur interessieren, wenn sie in ihrer Kindheit mit Natur in Berührung gekommen sind. Wir müssen versuchen, ein gutes Verhältnis zu dem zu finden, was einfach da ist. Und dies ist mit der Schönheit der Natur vorhanden, wenn ich an die Pracht einer blauen Wegwarte am Strassenrand denke. Es geht um Demut, zu staunen, sich zu wundern über die Vielfalt. Es geht nicht unbedingt um mehr Wissen über den Zustand der Natur. Wir wissen schon mehr als genug. Es braucht den anderen Umgang mit der Mitwelt. Die Schule ist hier sicher ein geeigneter Ansatzpunkt (vgl. Kühnis 2024). Das schaffen wir Naturwissenschafter allein nicht. Wir brauchen Mithilfe, Verbündete. Neben den Naturwissenschaften braucht es die Geisteswissenschaften, die Emotionen weitertragen können. Es braucht einen stärkeren Einbezug der kulturellen Seite zur Biodiversität, in denen eine Vielfalt an Emotionen zum Ausdruck kommt. All dies erfordert Empathie und eben andere Formen der Emotionalität. Wir benötigen Wissen, wie es die Wirtschaft hat, um ihre Produkte besser vermarkten zu können als Naturschutzkreise.

Wunder der Natur.

Die Biodiversitäts-Kampagne „Supergut.li“

Im Bekanntenkreis berichtete ich von den Kommunikationsproblemen mit der Biodiversität und fand offene Ohren bei der Hilti-Familienstiftung in Schaan (Fürstentum Liechtenstein). Die Firma Hilti AG ist in der Befestigungstechnik tätig und hat weltweit über 30‘000 Mitarbeitende. Sie muss am Markt erfolgreich sein. Die Hilti Family Foundation erklärte sich bereit, der Biodiversität im Fürstentum Liechtenstein im Rahmen einer mehrjährigen Kampagne eine Stimme zu geben. Ein Fachgremium begleitet diese Aktivitäten seit Ende 2022. Die Initiative nennt sich „supergut.li“. Biologische Vielfalt sorgt für uns, sorgen wir für sie. Auf Plakaten, in Inseraten, Kurzvideos, auf social-media-Kanälen und auf einer Webseite wird das Thema einfach und nutzerorientiert erklärt. InfluencerInnen wirken mit dem Ziel mit, die Bevölkerung zu sensibilisieren, das Thema positiv zu besetzen, weniger mit Schuldgefühlen zu arbeiten und die Menschen schliesslich zum Handeln anzuregen.

Liechtenstein ist klein und überschaubar und ist als Modell geeignet. Die Aktivitäten sind überraschend frisch präsentiert. Man darf es als Leuchtturmprojekt sehen, welches Hoffnung weckt, den Umgang mit unserer Natur zu überdenken und die drängenden Herausforderungen mit frischem Mut und wirksamen Ansätzen anzugehen.

Die Suche nach neuen Wegen in der „Supergut-Kampagne“ in Liechtenstein.

Quellen

Kommunikation für den Erhalt der biologischen Vielfalt beschäftigt mich seit einiger Zeit. Zu diesem Beitrag hat mich Hotspot 47/2023, Zeitschrift des Forums Biodiversität Schweiz der Akademie der Naturwissenschaften, mit ihrem Schwerpunktheft „Biodiversität und Emotionen“ animiert.

Broggi, M.F. (2026): Natur im Umbruch: Vergangenes verstehen, Zukunft gestalten – Geschichten und Gedanken aus 50 Jahren Naturschutzarbeit. Paul Schiller Stiftung, Haupt Verlag Bern, 235 S.

Caviola, H.; Kläy, A.; Weiss, H. (2018): Sprachkompass Landschaft und Umwelt – wie Sprache unseren Umgang mit der Natur prägt. Bristol Stiftung- Zürich, Haupt Verlag, Bern, 181 S.

Forum Biodiversität Schweiz (Hrsg.)(2026): Biodiversität in der Schweiz verstehen und gestalten. Zustand, Entwicklung und Lösungsansätze – Ergebnisse aus Forschung und Monitoring, Swiss Academics Reports 21 (1), 220 S.

Kühnis, J. (2024): Biologische Vielfalt – Pädagogisches Begleitdossier für Lehrpersonen, Supergut präsentiert, Hilti Family Foundation Liechtenstein, 24 S.

Die Menschen interessieren sich für mehr Natur, wenn sie in ihrer Kindheit mit ihr in Berührung gekommen sind.