Kaum wo in Europa ist der Massentourismus stärker ausgeprägt als auf einigen griechischen Inseln in der südlichen Ägäis, zugespitzt auf Mykonos und Santorin. Der „Übertourismus“, neudeutsch Overtourism, ist ein zweischneidiges Schwert. Er bringt zwar enorme Einnahmen für wohl Wenige, führt aber zu einer Krise, welche die Lebensqualität der Einheimischen beeinträchtigt und die Umwelt bedroht. Ich besuchte mit KollegInnen seit 50 Jahren griechische Inseln, bisher 50 an der Zahl, allerdings nicht in der Hochsaison, sondern im Frühling. Wir kehren selten auf die gleiche Insel zurück. Das war bisher auf Ikaria, Kythira und Kefalonia der Fall. Ein Grund dafür mag nach Friedrich Nietzsche darin liegen, „Erfahrene Menschen kehren ungern zu Gegenden zurück, die sie einst geliebt haben“. Nachdem wir nun auch noch Santorin und Mykonos als eigentliche „Hotspots“ des Tourismus besucht haben, kann hier eine persönliche Bilanz mit Fokus auf den Natur- und Umweltschutz gezogen werden. Dabei ist eine Gesamtschau mit Einbezug weiterer Themenfelder sinnvoll.

Fangen wir mit dem eher Harmlosen an: dem Übernachten, Essen und Trinken

Vor 50 Jahren und einige Zeit danach war das touristische Angebot auf vielen Inseln noch sehr ausgedünnt. Im April – also ausserhalb der Hauptsaison – waren auf griechischen Inseln für unsere naturkundlichen Exkursionen noch viele Herbergen geschlossen. Das galt auch für die Tavernen, so in Ikaria 1986 erlebt. Dort gab es im Hafenort Evdilos nur eine offene Pension und Taverne. Das Meer war rau und es fehlte an Nachschub für Nahrungsmittel. Es wurden in der Hafenkneipe einzig kleine Fische angeboten, mich als Nichtfischesser verwies man auf einen gefrorenen Fleischklotz. Er entpuppte sich beim Essen als Leber und ich verbrachte die Nacht mit Magen-Darmproblemen auf der Toilette.

Salata choriatiki – der griechische Salat.

Beim zweiten Inselbesuch im Jahr 2000 war das touristische Angebot erweitert. Auf den grösseren Inseln Samos, Chios oder Lesbos standen traditionelle Hotels zur Verfügung. In einem Hotel auf Chios erlebten wir 1991 einen „tierischen“ Empfang. Wir wechselten vom Golden Sand Hotel in Karfas in seine Dependance in Marmaro am anderen Inselende. Der Geschäftsführer offerierte uns dort in seinem Freundeskreis einen Grillabend und überliess dann seiner mitgebrachten deutschen Hilfskraft unsere weitere Betreuung. Er war für unsere Unterkunft, die Verpflegung und den Service zuständig. Am nächsten Abend gab es ein heftiges Gewitter und einige Wechselkröten hüpften zum Schrecken des Kellners in die offene Front des Speisesaals hinein. So erhielt ich einen Amphibiennachweis für diesen Inselteil. Das wurde am dritten Abend überboten, als eine Wanderratte hereinzischte. Der Kellner, ident mit dem Koch, sprang vor Schreck auf einen Tisch und wir Exkursionsteilnehmer versuchten vergeblich, die Ratte wieder nach draussen zu verjagen. Programmgemäss verliessen wir am nächsten Morgen das Quartier. Für den deutschen Gehilfen war das zu viel an zoologischen Ereignissen, er schloss die Herberge und reiste ebenfalls ab.

Mein Kollege Günter Stadler: Prost mit Ouzo.

In den 1970/80-er Jahren war wie erwähnt das gastronomische Angebot häufig noch dürftig, meistens hauptsächlich Fisch. So blieb mir das „Bifteki“, das war eine zähe schnitzelähnliche „Hügellandschaft“. Die Beilagen konnten wir jeweils in der Küche aussuchen. Der Küchenbesuch war damals üblich, zumal wir uns ja nicht ausreichend griechisch verständigen konnten. Wir schauten so in alle Töpfe. Es gab noch „böckeliges“ Schafgulasch und im Olivenöl triefendes, lauwarmes „Etwas“, Gemüse oder Kartoffeln. Einzig der griechische Salat sorgte für etwas Aufheiterung. Als Wein bekam man süssen Samoswein oder Retsina, das war mit Kiefernharz versetzter Wein, der mich an eine Apotheke erinnerte. Wir wurden kulinarisch also nicht verwöhnt. Ich meinte, die damalige griechische Küche war für mich die zweitschlechteste Europas. Über die Schlechteste schweigt des Sängers Höflichkeit.

Tavernenbesuch der Exkursionsteilnehmer auf Lipsi – mit traditionellem Weingefäss.

Diese gastronomische Schilderung gehört der Vergangenheit an. Sie ist noch mit nostalgischen Erinnerungen dieser traditionellen Küchenbesuche gewürzt. Ähnliches gilt für den Ouzo, den griechischen Anisschnaps. Ihn genehmigten wir uns am Schluss einer Exkursion in den Ouzerias. Das war früher mit einer Beilage von Essenskleinigkeiten verbunden, ähnlich der französischen Küche mit Amuse bouche. Diese Zugaben wurden beispielsweise 1987 auf Samothrake so reichlich angeboten, dass ein Nachtessen kaum mehr Platz hatte. Ich ass damals vier Eier, während mein Begleiter die Fische essen musste. Auch das mit den Beigaben gehört der Vergangenheit an.

Die Fischausbeute vermindert sich immer mehr.

Ergänzen wir diese nostalgische Erinnerungen noch mit dem ehemals verbreiteten Wein-Trinkgefäss. Es war ein Leichtmetallgefäss mit einem Henkel und einem kleinen schnabelförmigen Ausguss. Der Service mit diesem Trinkgefäss bedeutete, wir sind in Griechenland.

Heute ist nicht mehr die meist rundliche und herzliche Mutter der Küchenchef. Es sind ausgebildete Profis am Werk und der Weisswein wurde stets bekömmlicher. Auch beim Rotwein ist der Standard in Flaschenform erreicht, aber noch nicht überall in guter Qualität erhältlich.

Die Lipsi-Rinderrasse – auf Inseln hat sich genetische Vielfalt erhalten.
Es werden qualitativ hochwertige Produkte wie Biowein angebaut.

Das mit den Fischen hat sich doppelt erledigt. Die Ägäis ist ausgefischt, das Angebot ist häufig importiert. Mein Ratschlag heisst ohnedies: Hände weg von Fischen! Sie werden teils nach Gewicht verkauft und sind für den Nepp in touristisch sehr entwickelten Orten geeignet. Dann kann auch ein einzelner Fisch in der Taverne mehr als 100 Euro kosten, so erlebt auf Mykonos oder Piräus. Eine Warnlampe leuchtet für mich bereits auf, wenn ich die anpreisenden Schlepper vor den Tavernen sehe.

Die Güte der Unterkünfte und die Gastronomie verbesserte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Der heutige Standard ist generell gut, und dies auch auf kleineren Inseln mit weniger Tourismus. Kompakte Fleischgerichte waren wie erwähnt lange nicht zu empfehlen, bis wir 2007 auf der kleinen Dodekanes-Insel Lipsi ein ausgezeichnetes Rindsfilet von der örtlichen Rinderrasse serviert bekamen. Der Juniorchef der Taverne hatte seine Lehr- und Wanderjahre hinter sich und konzentrierte sich gekonnt auf regionale Produkte. Es fällt auf, dass es gebildete Rückwanderer aus den grossen Städten gibt, die in der Wirtschaftskrise den Weg zurück auf ihre Herkunftsinseln finden und sich dort mit qualitativ Hochwertigem wie der Wein- oder Olivenölproduktion beschäftigen und dies häufig in Bio-Qualität.

Auch die Olivenbäume werden teils wieder gepflegt.
Tavernen: Stätten der Lebensqualität.

Wir mieten nun seit vielen Jahren für jeden ein Appartement und besuchen am Abend die örtlichen Tavernen. Dort erleben wir beim Sonnenuntergang pure Lebensqualität, was manchmal mit einem Ouzo oder Campari eröffnet und mit einem Metaxa (Brandy) für den Tag geschlossen wird. Die Preise haben nach der Zeit der Drachmen mit dem nachfolgenden Euro angezogen, sind aber ausserhalb der touristischen Zentren fair gestaltet, was auch für die Mietautos gilt.

Starke Inselabwanderung

Von den über 3‘000 Inseln, Inselchen und Klippen in griechischer Hoheit sind etwas über 100 ganzjährig bewohnt. Die Entwaldung der meisten griechischen Inseln war ein Jahrtausende andauernder Prozess und erreichte bereits in der Antike und dann in der Römerzeit ihren Höhepunkt, dies vor allem für den Schiffsbau. Was einst bewaldet war, wurde durch menschliche Aktivitäten karg und trocken. Am ehesten treffen wir in der Ägäis noch auf den Nördlichen Sporaden etwas Waldbestockung an. Der Wald wich der flächendeckenden landwirtschaftlichen Nutzung, was sich heute noch in den aufgelassenen Terrassenlandschaften zeigt. Sie werden kilometerlang durch Steinmauern abgestützt, die nicht mehr unterhalten werden. Viele periphere landwirtschaftliche Siedlungen mit ihren Drescheplätzen für das Getreide sind aufgelassen. Ja man trifft ganze Ortschaften, so auf Chios, die total verlassen sind. Auch wurde so manche Siedlung nach Erdbebenschäden nicht mehr wiederbelebt, so etwa auf der ionischen Insel Kefalonia. Die Vegetation wandelte sich in eine Phrygana, ein niedriges dorniges Buschland.

Vor 50 Jahren gab es noch archaische Landbewirtschaftung.
Terrassenlandschaften weisen auf die früher verbreitete Landnutzung hin.
Steinmauern stützen die Terrassenlagen.

Die griechischen Inseln waren bis gegen Ende des 19., anfangs des 20. Jahrhundert in Subsistenzwirtschaft bewirtschaftet und meist dicht bevölkert. Aus wirtschaftlicher Not wanderten dann viele Griechen nach Amerika und Australien aus. Die Heimwehgriechen investieren heute noch auf ihren Ursprunginseln und halten dort einen Feriensitz. Vor allem auf den kleineren ägäischen Inseln wandern auch heute noch viele junge Leute mangels Arbeitsplätzen ab. Auf der 28 km2 grossen Insel Chalki bei Rhodos lebten einst bis 8‘000 Einwohner, heute sind es 400 bis 500, im Winter wohl noch weniger, weil dann einige mit dem Tourismus verbundene Leute in den grossen Städten Athen und Saloniki einer weiteren Beschäftigung nachgehen. Ein jüngeres Beispiel: lebten auf der isolierten Insel Antikythera zwischen Kythira und Kreta 2011 noch 68 Menschen, sind es 2025 noch 20. Mit einem Anreizprogramm von monatlich 500 Euro für Familien soll dort die Abwanderung gestoppt werden.

Verlassene Ruinendörfer – Hinweis auf frühe Abwanderung.
Phrygana, dorniges niedriges Buschland, prägt die Landschaft.

Subventioniertes Kleinvieh

Mit der Aufgabe einer intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung breitete sich die Kleinviehhaltung aus. Die Subvention für Kleinvieh ist ein wichtiger Teil der griechischen Agrarpolitik. Die Überbeweidung durch Schafe und Ziegen nahm in den 1980/90er Jahren auf griechischen Inseln ein vernichtendes Ausmass an, wo alles kahlgefressen war. Griechenland trat 1981 der EU bei und wurde Teil der europäischen Agrarpolitik. 2024 erhielt Griechenland 2.2 Milliarden Euro von der EU für die Landwirtschaft. Die EU hat zusätzliche Regelungen für die kleinen ägäischen Inseln erlassen, um ihre naturbedingten Nachteile auszugleichen. Dafür waren gemäss EU-Verordnung 228/2013 jährlich 24 Mio. Euro vorgesehen.

Schafe aller Orten.
Überweidung durch Ziegen.

Die Prokopf-Subventionen wirkten sich viele Jahrzehnte mit einer Überbestossung an Tieren (Ziegen, Schafe) wie erwähnt verheerend auf die Vegetation aus. Jeder Botaniker kann dies bestätigen, weil alles systematisch kahlgefressen war, so erlebt 2001 auf Astypalea und 2002 auch auf Symi. Es muss inzwischen eine teilweise Entkoppelung der Prämien zu Beginn des 21. Jahrhundert gegeben haben, da diese Überbestossung inzwischen reduziert scheint. Auf einigen Inseln haben sich die Ziegen verwildert und sind herrenlos, so 2016 auf Limnos gesehen. Sie werden dann teils bejagt.

Verwilderte Ziegen auf Limnos.
Geförderter Strassenbau durch EU-Gelder: eine junge Bergotter auf Lipsi kann eine Betonrampe entlang der Strasse nicht überwinden.

Die „Geisterschafe“ des Jahres 2025 haben allerdings mit massiven Schummeleien zu tun. Es sollen hunderte Millionen an Euro-Subventionen missbräuchlich abgezweigt worden sein. Griechenlands Landwirtschaft kommt nicht zur Ruhe. Diese Schummelei führte zu Verzögerungen bei den Auszahlungen und die Bauern meinen, die ganze EU-Agrarpolitik sei fehlgeleitet und machen dies durch Bauernproteste sichtbar. Die Insel-Landwirtschaft kann heute nur mehr wenig für den Tourismus beisteuern. Die Selbstversorgung auf den griechischen Inseln gibt es nicht mehr, es muss das allermeiste importiert werden. Wünschenswert wäre eine Kreislaufwirtschaft, welche von der Abnahme landwirtschaftlicher Produkte durch die touristischen Betriebe profitiert. Beim Weinbau ist dies teilweise der Fall und das selbst auf Santorin.

Windenergie im Aufwind – aber nicht selten ausser Funktion.
Die blauen Plakate weisen auf eine EU-Förderung hin, mit Angabe der Bausummen.

Es fliessen noch weitere EU-Mittel zur Erhaltung des ländlichen Raumes. Ohne detaillierte Kenntnis hierzu fallen dem Inselbesucher Ungereimtheiten auf. Es werden grosszügige Strassen gebaut, die kaum frequentiert werden. So gibt es auf Kefalonia in der gebirgigen Inselmitte einen neuen Highway, auf dem kaum jemand fährt, da es dort nichts zu verbinden gibt. In bald jede Bucht führt ein „Zapfenzieher“ an Strasse hinunter, was wenigen Profiteuren zu Gute kommt, so markant auf Kythnos 2021 gesehen. Es werden zusehends Stauseen (Wasserreservoirs) errichtet, die teils nicht geeignet funktionieren wie auf Lipsi oder der Wasserzufluss zu gering ausfällt wie auf Alonissos gesehen. Es werden immer mehr Windenergie-Anlagen errichtet, sie funktionieren aber häufig nicht und stehen still. Die Sonnenenergie wird meist nur für das Warmwasser genutzt, Photovoltaik wird erstaunlich wenig installiert. Die von der EU eingesetzten Beträge werden jeweils bei den geförderten Infrastrukturen auf Plakaten festgehalten. Man hat als Besucher nicht immer den Eindruck, dass die Mittel aus dem Regionalfond der EU zielführend eingesetzt werden. 

Teils ungebremster Tourismus

Santorin – Hotspot des Tourismus.

Die drei S beziehen sich auf den klassische Sonnen-, Sand- und Strand (Sea)-Tourismus. Es kommen allfällige Attraktionen, die Erreichbarkeit und weitere Annehmlichkeiten ergänzend dazu. Das wird heute zunehmend als nachhaltiger Tourismus mit Beachtung von Ökologie, Sozialem und Ökonomie verkauft, ist aber reines „Greenwashing“. Es sind auch die Darstellungen der Inseln als reine Traumziele mit Dumpingangeboten zu kritisieren, da die Schattenseiten ignoriert werden.

Die Windmühlen bilden das Wahrzeichen von Mykonos.
Historische Attraktionen wie der Löwe von Kea.

Überbauungen werden als „strategische Investitionen“ bezeichnet, scheinen bauliche Gesetzgebungen nicht zu kennen und man baut „selbstverständlich“ umweltfreundlich. Der Tourismus ist der Hauptmotor der griechischen Wirtschaft bei jährlich 35 Millionen Besuchern mit 22 Milliarden Euro Einnahmen, wo fast 22% aller Erwerbstätigen des Landes tätig sind. Zwischen 2003 und 2024 hat sich die Zahl der Inseltouristen von acht auf 16 Millionen verdoppelt. Da stehen Santorin, Mykonos, Rhodos, Kos, Kreta, Naxos, Paros, Korfu und Zakynthos im Vordergrund. Die Werbung lautet: „Island`s unique blend of traditional charm, classical heritage as cosmopolitan appeal“, so beschrieben in der Werbung für ein geplantes Luxusressort „Black Rock“ auf Mykonos, übrigens mit Beteiligung einer bekannten deutschen Handelsfirma. Die Finanzmittel sind ausländisch und die Gewinne fliessen wohl auch wieder ab.

Ein Luxus-Resort okkupiert eine kleine Halbinsel für sich auf Ios.
Luxus-Resort auf Mykonos. (Foto: Günter Stadler)

Schauen wir uns nachfolgend einige Probleme des Massentourismus an. Sie heissen in Stichworten Überlastung, Infrastrukturprobleme mit Wasserknappheit, Müllprobleme, soziale Probleme für Einheimische mit wenig bezahlbarem Wohnraum und generellen Umweltproblemen.

Fehlende Raumordnung

Fragt man auf google nach einer Raumordnung für griechischen Inseln, so lautet die Antwort mit KI, dass es eine solche geben soll. Es brauche Baugenehmigungen mit geeigneten Rahmenbedingungen. Man hat allerdings den Eindruck, dass keine Gesetze gelten. Es gibt trotz EU-Druck immer noch nicht einen vollständigen Kataster. Das Wort Kataster stammt aus dem griechischen Katastichon und bedeutet so viel wie Liste oder Register. 2017 waren erst knapp 8% der Landesfläche registriert, jetzt sollen gegen 90% erfasst sein.

Ab 4‘000 m2 Parzellengrösse wird bauen meist möglich, egal wo.
Viele neue Strassen erschliessen neue Räume, mit Begleiterscheinung der Müllentsorgung.

Wir hatten darüber so manches Gespräch mit Einheimischen. Da war zu erfahren, dass man ab 4‘000 m2 Parzellengrösse ausserhalb von Bebauungsplänen bauen darf, wobei man selbst für die benötigte Infrastruktur wie Strasse, Wasser und Strom sorgen muss. Und so sieht es auf den meisten Inseln auch aus. Auffällig sind die vielen Bauruinen, also Bauten, die nie fertig gestellt worden sind. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt. War es Baustopp durch die Behörden oder ist das Geld ausgegangen? Es ist dramatisch, dass bald jede Bucht neu erschlossen wird. Es finden sich isolierte Neubauten, Hausgruppen, selbst grossflächige Luxusressorts.

Auf Mykonos ist nach einer deutschen Filmrecherche zu erfahren, dass 40% aller Hotelbauten illegal erstellt worden sein sollen. Mögliche Strafzahlungen würden dabei offenbar bewusst in Kauf genommen, da sie wirtschaftlich verkraftbar seien.

Überall finden sich nicht fertiggestellte Bauruinen.
For sale – zu verkaufen.

So mancher illustrer Beachclub finde sich unbewilligt auf ehemaligem Schildkrötenstrand. Es ist von Baumafia, Korruption und kriminellen Strukturen die Rede (ARD-Mediathek vom 9.9.2025, Schattenseite des Massentourismus). Es scheint da einiges mit der Raumplanung nicht zu klappen.

Geordnetes Siedlungsbild von Ano Symi.

Es ginge auch anders. Die Ortsbilder von Ano Symi auf der Dodekanes-Insel Symi und Vathy auf der ionischen Insel Ithaca sind wohltuend geordnet. Das soll dort durch eine Bauordnung gewährleistet sein.

Wasserknappheit

In der Ägäis fallen durchschnittlich jährlich 640 mm Niederschläge, was in unseren Breiten der trockensten Region im Wallis entspricht. Die Niederschläge finden weitgehend im Winter statt. Fliessende Bäche in der Vegetationszeit gibt es auf kleineren Inseln keine. Deren Wasserführung wird mit kilometerlangen Schläuchen im Oberlauf abgezapft und zur landwirtschaftlichen Bewässerung benutzt, wo diese noch vorhanden ist. Sie ersetzen die unterhaltsintensive Zisternenhaltung. Ebenso werden Grundwasserpumpen eingesetzt. Zunehmend sind mit dem Klimawandel – wie auf Ios 2022, Fourni 2023 und Syros 2024 erlebt – die Jahre noch trockener, allenfalls unterbrochen durch sintflutartige Regenfälle wie im April 2025 auf Paros und Mykonos, wo der Notstand ausgerufen werden musste. Die Starkniederschläge sind allerdings ohne Waldbedeckung kaum zurückzuhalten.

Wasserknappheit ist heute das beherrschende Thema auf Griechenlands Inselwelt. Auf der Dodekanes-Insel Lipsi sahen wir im April 2007 Wassertankschiffe anlanden, um das begehrte Nass für die Saison zu speichern. Auf vielen Inseln werden Stauseen angelegt, dort sind aus dem Sommer Bilder bekannt, die einen sehr niedrigen Wasserstand zeigen, wie etwa auf Naxos.

Kreuzfahrtschiffe mit mehreren tausend Passagieren ankern vor Santorin und Mykonos.

Der enorme Wasserbedarf für den Tourismus verschärft die Situation dramatisch. Mykonos wird jährlich durch drei Millionen Touristen besucht. Davon kommt die Hälfte mit den Kreuzfahrtschiffen auf Kürzestbesuch, überlastet die Orte und lässt wenig an Wertschöpfung zurück. So legten im Jahr 2024 768 Kreuzfahrtschiffe auf Mykonos an und dort soll es über tausend Swimming-Pools geben, entsprechende Überbauungen mit Resorts breiten sich krebsartig aus.

Es werden zunehmend Entsalzungsanlagen gebaut. Allein auf Naxos sind vier energieintensive Entsalzungsanlagen in Betrieb, die täglich 3‘600 m3 Gebrauchswasser produzieren. Die Wasserkosten sollen doppelt so hoch sein wie auf dem Festland. Das Trinkwasser wird in Mineralwasserflaschen vom Festland geliefert, was zum nächsten Umweltproblem der Abfallbewirtschaftung führt. Diese ist auf vielen Inseln noch wenig geregelt, der Müll wird teils an Steilhängen runtergeworfen, bis er im Meer versinkt. Windverfrachtungen des Mülls über weite Distanzen sind üblich. So sitzen touristische Hotspots wie Zakynthos auf einem wahren Müllberg. Dort sollen 530‘000 Tonnen Müll in einem Natura 2000-Gebiet liegen, wobei Griechenland der EU Zwangsgelder wegen mangelnder Sanierung bezahlen muss. Griechische Inseln kämpfen mit massiven Abwasserproblemen in veralteten Infrastrukturen. Stinkende Fäkalien aus der Kanalisation belasten Mykonos, ungeordnete Deponien sahen wir auf vielen Inseln.

Müllberg auf Syros.

Die Preise auf gewissen Inseln explodieren. 2025 zahlten wir auf Mykonos dreimal mehr für ein ähnliches Frühstück wie auf der Nachbarinsel Syros im Jahr 2024. Die Preise steigen auch für die Einheimischen, bezahlbarer Wohnraum fehlt, soziale Strukturen werden zerstört.

Wir hatten die Hotspots des Tourismus weitgehend gemieden. 2022 mussten wir wegen Streiks umdisponieren und haben drei Nächte auf Santorin verbracht. 2025 besuchten wir Mykonos, um dort Naturschutzanliegen zu beurteilen. Beide Inseln waren im April schon stark besucht. Die angetroffenen Bilder waren grotesk. Die Kreuzfahrtschiffe können auf Santorin nicht anlanden. Sie entlassen ihre Tausenden von Passagieren auf kleineren Bootseinheiten zum Hafen. Um in den Hauptort zu gelangen, können die 558 Stufen auch auf dem Eselrücken zurückgelegt werden oder – mit längeren Wartezeiten – mit einer Seilbahn. Für besonders berühmte Photosujets stehen die Touristen Schlange. Chinesen auf diese Umstände angesprochen meinten, dass es hier so schön sei, sie seien in China viele Leute gewohnt.

Der Müll in offener Ablagerung wird verweht.

Folgen für die biologische Vielfalt, dargestellt am Beispiel der Feuchtgebiete

Der Landschaftswandel auf griechischen Inseln sei hier kurz am Beispiel des Verlustes an Feuchtgebieten dargestellt. 40% der biologischen Vielfalt der Inseln konzentriert sich auf diese wenigen Lebensräume. Die Problematik wurde ausführlich im Beitrag mariobroggi.li/feuchtgebiete-auf-griechischen-inseln-inventar dargestellt.

Feuchtgebiete auf Inseln sind seltene Lebensräume.
Im Mündungsbereich der Fliessgewässer – wie hier auf Ikaria – wird durch Strandwallbildung der Abfluss verhindert und so ergeben sich Feuchtgebiete.

Die meisten Inseln sind klein bis mittelgross, was keine grösseren hydrologischen Einzugsgebiete bedeutet. Fliessendes Süsswasser ist auf den kleineren Inseln ausserhalb der Winterzeit kaum zu sehen. Die wenigen Feuchtgebiete finden sich in Küstennähe. Dort werden Fliessgewässer im Mündungsbereich durch Strandwallbildung zumindest für einige Zeit zurückgestaut. Der Rückstau ergibt sich dadurch, dass sich mit nachlassendem Wasserdruck im Bach der Strand durch Sandverwehung verschliesst und das abfliessende Wasser blockiert. So können Feuchtgebiets-Lebensräume entstehen, die auch für den Vogelzug als Trittsteine bedeutsam sind.

Das Lockerblütige Knabenkraut – eine Bewohnerin der Feuchtgebiete.

Geringere Niederschläge lassen diese Lebensräume im Zuge des Klimawandels seltener werden. Sie sind weiters durch Wasserentzug für die Landwirtschaft, vor allem aber durch touristische Nutzung im Strandbereich bedroht. Der WWF-Griechenland erstellte in den Jahren 2004-2013 ein Inventar der Feuchtgebiete auf griechischen Inseln. Es wurden insgesamt 818 Objekte mit einer Gesamtfläche von 100 km2 erfasst, wobei die Mindestgrösse 0.1 ha beträgt.

Die Kaspische Bachschildkröte – eine gefährdete Bewohnerin der Feuchtgebiete.
Die Parnassosbucht auf Mykonos ist Heimat der letzten Bachschildkröten-Population und wird durch ein illegal gebautes Resort bedroht.

2012 wurden mit Präsidialerlass 380 Objekte auf 59 Inseln unter Schutz gestellt. Das steht vorerst einmal auf dem Papier geschrieben, ist aber kaum wo umgesetzt. Auf Mykonos wurde das bedeutendste hydrologische Phänomen, eine Lagune mit Endlauf eines Fliessgewässers in die Parnassosbucht, durch einen Stausee aufgetrennt. Und die Hälfte dieses Deltabereiches wurde durch ein illegal errichtetes Resort belegt. Damit wird der letzte Standort der Kaspischen Bachschildkröte auf der Insel gefährdet. Obwohl offiziell geschützt, gibt es keine Managementmassnahmen für den Erhalt des Feuchtgebietes.

Auf die Bremse treten

Die vom Übertourismus überrannten Inseln planen nun Lenkungsmassnahmen. Die Probleme der Umweltbelastung sind ja ausreichend bekannt. Man will auf die Bremse treten. Eine Ausrichtung auf die Hauptsaison Juli-August ist nicht zielführend. 34 Inseln planen für 2026 eine Gebühr für Tagestouristen, um die Infrastrukturkosten zu decken, so zum Beispiel 20 Euro für Kreuzfahrt-Touristen auf Santorin.

Nicht verbaute sandige Strände werden zur Seltenheit auf griechischen Inseln.

Auch sollen auf Santorin die Kreuzfahrtankünfte pro Tag auf 8‘000 Personen reduziert werden, heute sind es bis 16‘000. Die Regierung hat die Beherbergungssteuer als Klimasteuer erhöht, was den betroffenen Gemeinden zu Gute kommen soll. Sie will zudem gewisse Strände der touristischen Nutzung entziehen.

Ob solche Massnahmen ausreichen werden? Sie müssen durch branchenübergreifende Massnahmen ergänzt werden. So ist das Fliegen in solche Destinationen einfach zu kostengünstig. Es braucht noch einiges an weiteren Lenkungsmassnahmen.

Billigstangebote von € 400 für Flug und Unterkunft pro Woche auf griechischen Inseln.

In Südtirol – mit ähnlichen Problemen – soll auf überlaufenen Wanderwegen in den Dolomiten ein Slot-System mit Drehkreuzen eingerichtet werden, wo der Besuch zum voraus zu buchen ist und mit zahlenmässigen Begrenzungen versehen wird. Rom führt ab 2026 eine Eintrittsgebühr für den Besuch des Trevibrunnens ein. Das scheinen nötige Massnahmen zu sein.

Hat Naturtourismus eine Chance?

Mit einem naturnahen Tourismus habe ich mich bereits zu Beginn meiner Präsidentschaft bei der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA beschäftigt, als wir uns in der Jahresfachtagung 1984 in Chur erstmals dieses Themenfeldes annahmen. Wir versuchten, für den Alpenbogen zu definieren und zu propagieren, was naturnaher Tourismus sein könnte. Das damals besuchte Fallbeispiel im Kanton Graubünden wollte sich dahingehend ausrichten, mit Verzicht auf Kunstschnee-Erzeugung und weiterem Pistenausbau. Inzwischen setzte sich auch dort die weitere Entwicklung mit weiterem Verzicht auf Ausbau der Infrastrukturen fort. Wieviel erträgt es an Einrichtungen und wann ist es mit dem naturnahen Tourismus vorbei? Die kleineren und mittleren Ski-Stationen können mit den Investitionen im Wettbewerb nicht mehr mithalten und geraten in eine Krise. Orte unter 1500 Meter Meereshöhe leiden unter Schneemangel. Mit dem Klimawandel steht eine bewusste und konsequente Ausrichtung auf naturnahen Tourismus nochmals als reale Möglichkeit zur Diskussion.

Die Dodekanesinsel Tilos ist als Natura 2000-Gebiet geschützt.
Die üblichen Schrotpatronen fehlen auf Tilos, weil dort die Jagd untersagt ist.

Auch in Griechenland stehen ähnliche Fragestellungen an. Der Juli-August dürfte allmählich mit zu hohen Temperaturen zu heiss für den Urlaub werden. Es gilt die Saison auszuweiten, nach Alternativen zu suchen. Entschleunigung könnte ein solcher Beitrag heissen. Mit einem naturnahen Tourismus beschäftigten wir uns beim Besuch der Dodekanes-Insel Tilos. Der damalige Bürgermeister liess 1997 die Jagd auf der Insel trotz grosser Widerstände untersagen. Mit Hilfe eines griechisch-amerikanischen Managers wurde die Idee eines „Tilos-Parkes“ vorangetrieben. Wir lieferten hierzu mit unserem Besuch im Jahr 2005 einige naturkundliche Grundlagen (Ökotourismus www.tilos-greece.com) und waren mit den Gemeindebehörden im intensiven Austausch. Die Dodekanes-Insel Tilos mit 65 km2 kann das Anliegen eines Naturtourismus glaubwürdig erfüllen. Die gesamte Insel steht unter Naturschutz (Natura 2000). Die dortige Eleonorenfalken-Population beträgt 10% des ganzen Weltvorkommens. Wir konnten mit der botanischen Erforschung der Insel rund 600 Arten eruieren. Die international tätige deutsche NGO Euronatur hat einen Naturführer für die Insel in deutscher Sprache erstellt (Spangenberg & Heitmann 2013). Es bestehen 67 km markierte Wanderwege, das Abfallproblem wird mit starkem Recycling angegangen. Die Insel ist bereits weitgehend energieautark.

In der Charkadiahöhle auf Tilos fanden sich Überreste von Zwergelefanten, die bis vor 3 700 Jahren hier lebten.

Ähnliches gilt für die Dodekanes-Insel Astypalea. Sie soll „zur smarten und nachhaltigen Mittelmeerinsel“ werden. Emissionsfreie Mobilität soll bis 2030 erreicht werden, sei dies durch Elektroautos, Tests mit autonomen Autos mit Hilfe der VW-Werke und On-demand-Pendelbussen. Familiäre Hotellerie mit Bezug von Regionalprodukten anstelle Resorts fördert einen angepassten Tourismus. Astypalea hat jährlich ca. 72‘000 Touristen bei 1‘300 Einwohnern. Es besitzt die vielleicht schönste Altstadt (Chora) der Ägäis, hat keinen internationalen Flughafen und setzt auf erneuerbare Energie. Das “grosse Nichts“ mit Wanderungen als Urlaubskonzept wird hier propagiert.

Auch Astypalea setzt Akzente für einen angepassten Natur- und Kulturtourismus. (Foto: Günter Stadler)

Auch Limnos kann noch als Insel der Ruhe bezeichnet werden. Die Vulkanhügel, die Sanddünen von Ammothines und der 1‘600 ha grosse Aliki-Salzsee mit seinen Flamingos sind landschaftlich beeindruckend. Auf Limnos wird exzellenter Biowein produziert. Auf vielen weiteren kleineren Inseln kann das ursprüngliche Griechenland noch erlebt werden.

Der Aliki-Salzsee auf Limnos beeindruckt mit seinen Flamingo-Vorkommen.

Schlussbemerkung

Es gibt diesen Übertourismus mit krassen Auswüchsen auf griechischen Inseln. Es dürften ca. 10 Prozent aller Inseln betroffen sein. Griechenland hat grossen Nachholbedarf bei der Raumplanung und beim Erhalt der biologischen Vielfalt. Das wurde hier an Beispielen dargestellt. Die Hälfte aller Feuchtgebiete auf griechischen Inseln dürften in den letzten 50 Jahren stark beeinträchtigt oder gar zerstört worden sein. Es bleibt viel zu tun.

Und dennoch ist Griechenland nach wie vor ein begehrtes Reiseziel. Es bietet Natur und Kultur verbunden mit Gastfreundschaft. Ich bleibe weiterhin hellenophil und die Inselsehnsucht bleibt.

«Arkadien» – das Schäfer- und Naturidyll auf Kefalonia

Quellen

Spannenberg, A. & Heitmann, S. (2013): Tilos – Schatzinsel in der Ägäis. EuroNatur Reiseführer 211 S.

Mario F. Broggi, 31.12.2025