
80jährig kann man auf 60 Jahre naturkundliche Exkursionen zurückblicken. Ein Ergebnis davon sind zehntausende Dias als Erinnerungen. Was mit diesem umfangreichen Bildmaterial tun? Es wird irgendwann nach mir entsorgt werden. Einige Erinnerungen versuche ich auf meiner Webseite festzuhalten. Dazu gehört die Halbinsel Valdes an der atlantischen Küste Argentiniens.

Der Anlass für diese Südamerikareise im Jahr 1981 war ein Forschungsvorhaben meines Kollegen Dr. Stefan Plank vom damaligen Ludwig-Boltzmann-Institut für Umweltwissenschaften in Graz. Er wollte die Kontinentaldrifttheorie von Alfred Wegener über die Entstehung der Kontinente anhand von Holzpilzen auf Araukarien, einem Nadelholz, überprüfen. Die Araukarien wuchsen einst auf dem Urkontinent Gondwana. Das heutige Areal wurde durch die Kontinentaldrift ein Relikt, aufgeteilt in zwei getrennte Vorkommen im südlichen Südamerika und im pazifischen Raum rund um Australien. Die erste Reise galt zwei Araukarien-Arten im südlichen Brasilien, Argentinien und Chile. Stefan Plank, ein Kollege in meiner Naturschutzarbeit beim Europarat, meinte, dass mich die forstliche Seite des Anliegens interessieren könne. Die zweite Reise sollte dann in den pazifischen Raum führen, was durch den frühen Tod von Stefan Plank (1949-1982) vereitelt wurde. Die Südamerikareise fand vom 12.Januar bis 1.Februar 1981 statt. Eine Reisebeschreibung findet sich unter mariobroggi.li/araucaria). Vom 22.-25.Januar 1981 besuchten wir mit einem Abstecher die Halbinsel Valdes. Davon soll hier die Rede sein.
Eine politisch und wirtschaftlich schwierige Zeit in Argentinien
Nach dem Besuch von Araukarienwäldern in Südbrasilien – dies unweit der bekannten Iguazú-Wasserfälle – erreichten wir am 21. Januar 1981 Buenos Aires. Die Wirtschaft Argentiniens war in der Zeit der Militärdiktatur in einer schweren Krise. Es gab zwar den Peso, aber eine 130-prozentige Inflation liess zum US-Dollar als Währung greifen. Wir mieteten einen Deux Chevaux (Citroën 2CV) und mussten dafür 500 US Dollar pro Tag bezahlen! Aus budgetären Gründen mussten wir darum unseren Aufenthalt in Argentinien möglichst kurz halten. Wir verzichteten auf den vorgesehenen Aufenthalt in Feuerland und erlaubten uns einzig den Abstecher auf die Halbinsel Valdes, bevor wir in den Anden rund um Bariloche die dortigen Araukarien-Bestände besuchten. Durch endlose Steppen Patagoniens fuhren wir fast 1‘500 km zur Halbinsel Valdes.
Die patagonische Steppe
Die patagonische Steppe umfasst 673‘000 km2, darin hätte die Schweiz 16 Mal Platz. Es ist dies das ausgedehnteste Trockengebiet Amerikas. Die Niederschlagsmenge bewegt sich im Regenschatten der Anden teils im Bereich von 150-200 mm jährlich, ist also nicht mehr baumtauglich. Die Landwirtschaft beschränkt sich auf eine extensive Viehhaltung. Umschreibt man dieses Gebiet, so lautet das Vokabular „riesig, unendlich, einsam, trocken“ und im Winter kalt, im Sommer warm.


Trotz der scheinbaren Einöde lebt die Steppe. Wir sahen während der Fahrt immer wieder Trupps von Guanakos. Sie sind eine der grösseren Landsäugetiere Südamerikas. Guanakos werden etwas mehr als einen Meter hoch und wiegen 90-130 kg. Sie sind mit dem Kamel verwandt, ihre domestizierte Form ist das Lama. Wir sahen diese Tiere später auch an der Küste, vermischt unter Pinguinen. Typisch in Patagonien sind auch Maras („patagonische Hasen“), der patagonische Fuchs und ein Zwerggürteltier sowie der Nandu. Ebenso kommt der Skunk, das Stinktier, vor. Den amerikanischen Strauss, den Nandu, bekamen wir nicht zu Gesicht, hingegen einige Greifvogelarten, die bussard- bis adlerartig aussahen. Wir durchquerten die patagonische Steppe auf den schnurgeraden Strassen zügig, um nach Valdes zu gelangen.



Wir erreichten die Stadt Trelew mit rund 100‘000 Einwohnern. Sie wurde von walisischen Siedlern nach 1865 gegründet und ist das Zentrum der Wollverwertung der Schafe. Bei der Moriakapelle finden sich Hinweise auf diese walisische Besiedlung. Die Waliser landeten 1865 bei Puerto Madryn, das liegt von Trelew 80 km weiter im Landesinnern. Die Stadt Puerto Madryn ist der geeignete Ausgangspunkt für Naturliebhaber. Am Hafen findet sich ein Denkmal für die früheren Bewohner, das indigene Volk der Tehuelche, welches die ersten Ankömmlinge aus Wales noch freundlich empfangen hatte. Sie waren nomadische Indigene, also Jäger und Sammler und wurden weitgehend aus ihren Stammländern verdrängt.



Valdes – Galagapos lässt grüssen
Valdes ist eine pilzförmige Halbinsel, ausgestülpt im atlantischen Ozean. Sie umfasst 3‘625 km2 und beinhaltet Schafweiden mit Salzseen. Die Halbinsel steht unter Naturschutz und ist Teil des Nationalparkes Golfo San Jorge. Seit 1999 ist Valdes UNESCO Welterbe. Die Küsten beherbergen eine reiche Tierwelt und erinnern mich an Galagapos, dies wegen der “zahmen“ Pinguine und der Robben. Valdes ist für seine charismatischen Tiere bekannt.






Ich war weder in der Arktis, noch auf Galagapos. Es war das einzige Mal, dass ich auf meinen Reisen Pinguine sah, und dies hier in grosser Zahl. Es sind Magellan-Pinguine (Spheniscus magellanicus), benannt nach dem portugiesischen Entdecker Ferdinand Magellan, der die Vögel 1520 sah. Sie werden knapp 50 cm hoch und wiegen etwas mehr als 3 kg und brüten häufig in Erdhöhlen oder unter Sträuchern. Sie haben ein typisches Pinguinaussehen mit schwarz-brauner Färbung am Rücken und weisser Brust, die schwarz gebändert ist. Die Nesterdichte kann 20 Nester pro 100 m2 betragen. Eine grosse Brutkolonie fand sich in Punta Tombo, mit angeblich hunderttausenden Tieren ist sie die grösste kontinentale Brutkolonie, wobei die Zahl inzwischen gesunken sei. In der Zeit vom September bis April sind sie hier anwesend. Sie kennen keine Scheu und suchten unter unserem Auto den Schatten. Die grossen Kolonien bieten ein atemberaubendes Bild. Seit der Wiederausbreitung des Pumas soll dieser sich bei den Magellan-Pinguinen als Nahrung bedienen.





Am gleichen Strand fanden sich Trupps von Seelöwen, die Mähnenrobbe (Otaria flavescens). Die kräftigen Männchen werden bis zu 500 kg schwer, die Weibchen sind mit 140 kg wesentlich kleiner. Sie gehören zu den Ohrenrobben und die Bullen zeichnen sich durch dicke Mähnen aus. Die Paarungszeit ist zwischen Dezember und Februar und die Bullen halten sich ein Harem mit ca. zehn Weibchen. Zwischen den Robben eilten schnellen Schrittes Weissgesicht-Scheidenschnäbel (Chionis alba) herum. Sie gehören zur Ordnung der Regenpfeifer und ähneln kleinen Hühnern. Ihr Gefieder ist vollkommen weiss und sie leben im subarktischen Gürtel. Sie verhalten sich zu den Pinguinen parasitär, indem sie ihnen Fische und Krill stehlen, aber auch ihre Eier und selbst Küken. Das versuchen auch die Möwen. Die weitere Vogelwelt war reich vertreten, wir sahen Krähenscharben, einige Enten- und Limikolenarten, Seeschwalben und auch Flamingos.






Die noch wesentlich grösseren See-Elefanten, wo das Männchen bis 3‘500 kg erreichen kann, bekamen wir nicht zu Gesicht, ebenso wenig die hier heimischen Wale; bei unserem Besuch war keine Walsaison. So sahen wir die südlichen Glattwale, die Bartenwale und die hier auch jagenden Orcas nicht. Die örtliche Orca-Population ist berühmt wegen ihrer Fangtechnik mit dem absichtlichen Stranden am Ufer auf der Jagd nach Jungrobben. Die Halbinsel Valdes ist mit ihren weiten Stränden, unterbrochen von bis 100 Meter hohen Felsklippen, ein wahrer Hotspot der Biodiversität und hat Weltbedeutung. Valdes ist eines der schönsten Wildreservate Südamerikas.
Mario F. Broggi, 28.1.2026